Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Jüdische Bevölkerungspolitik
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 574 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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574 ME N ORAH miliert sich nun bekanntlich außerordentlich rasch in allen kulturellen, soziologischen und geistigen Beziehungen, im guten und schlimmen Sinne an seine Umgebung; wenn es nun „Mode" geworden ist, die Geburten einzuschränken und diese sogar die Schichten des Proletariats in weitem Umfang ergriffen hat, wie könne man nun gerade von den Juden erwarten, daß sie diese Sitte nicht mitmachen und zu der alten Sitte der zahlreichen Kinder zurückkehren werden! Dazu kommt, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart höchst ungünstig sind, und diese Ungunst auch gerade von zahlreichen früher begüterten jüdischen Kreise verspürt wird, die automatisch dazu führt, auch in den Familien die Nachkommenschaft einzuschränken, wo dies früher unbekannt war. Endlich wird betont, daß der religiöse Sinn unserer Vorfahren die Kinder als ein Segen angesehen hat, daß es als religiöse Pflicht gegolten hat, eine reiche Kinderschar zu erzeugen und großzuziehen. Mit Schwinden der Religiosität und Loslösung von der Tradition sei der stärkste Antrieb für eine Fortpflanzung gefallen, die für die Erhaltung des Stammes ausreichend war. Ihren äußeren Ausdruck findet diese negative Entwicklung der deutschen Judenheit in der immer stärker werdenden Landflucht, in dem immer mehr zunehmenden Einströmen der Juden in die Großstädte, die einer gesunden Bevölkerungsentwicklung an und für sich in höchstem Maße abträglich sei. Es wird für unmöglich gehalten, diese Entwicklung rückwärtszuschrauben und ebenso utopistisch wie die Bestrebungen, die Juden wieder auf dem Lande ansässig zu machen und sie der Landwirtschaft zuzuführen, seien die Bemühungen, die Juden dahin zu bringen, daß sie wieder Freude am Kind und an der Fortpflanzung finden. Die Konferenz hat sich nicht auf diesen Standpunkt gestellt, wenn es auch in der Diskussion nicht an pessimistischen Äußerungen gefehlt hat. Wenn man ein Übel, ein Gebrest beseitigen will, so muß man zunächst die Quellen des Übels, seine Ursachen kennen, sonst tappt man im Dunkeln, Arbeit wird umsonst getan, Mittel zwecklos verwendet. Zahllose Abhandlungen sind über die Ursachen der Geburtenabnahme geschrieben worden und täglich werden neue geschrieben. Diese lassen sich letzten Endes in zwei Gruppen einteilen. Ihre Wurzeln sind: erstens Bequemlichkeit, Egoismus, Schwänden des Verantwortlichkeitsgefühls bei vorhandenen Mitteln. Zweitens: Mittellosigkeit. Will man Erfolg haben, so müssen beide Übel an der Wurzel bekämpft werden, jedes mit anderen Methoden. Uns scheint, daß bei den Juden das erstgenannte Motiv das überwiegendere ist, denn bei ihnen ist das Proletariat numerisch doch stark in der Minderzahl.