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Menorah · 1929-11-01 · Heft 11-12 (November 1929) · p. Seite 571

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 11-12 (November 1929)
Article
Jüdische Bevölkerungspolitik
Date
1929-11-01
Page
Seite 571 (sequence 4)
Language
German
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JÜDISCHE BEVÖLKERUNGSPOLITIK 571 die Ziffer bei den Juden 1822 bis 1840 gegenüber der der Christen nur um 12 Prozent geringer war, war sie am Ende des vorigen Jahrhunderts bereits um 60 Prozent niedriger. In der Gegenwart ist infolge des rapiden Geburtenabfalles der Gesamtbevölkerung die Differenz etwas geringer geworden und beträgt nur etwa 35 Prozent. Ein weiteres Charakteristikum der jüdischen Bevölkerungsstatistik ist das, daß nicht nur die Zahl der Geburten, sondern auch die Sterblichkeits- und Eheschließungsziffern geringer sind wie bei der allgemeinen Bevölkerung. Es besteht hier ein innerer und kausaler Zusammenhang. Die allgemeine Sterblichkeitsziffer muß niedrig sein wegen der geringen Zahl der Kinder und der niedrigen Kindersterblichkeit, die sonst den größten Teil zu der allgemeinen Sterblichkeit beträgt; abgesehen davon ist die Sterblichkeitsziffer bei den Juden aus sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Gründen niedriger wie bei der Gesamtbevölkerung. Die geringe Geburtenziffer ist wiederum teilweise durch die niedrige Eheschließungsziffer bedingt. Die sehr niedrige Sterblichkeitsziffer der Juden hat bis zum Kriege einen gewissen Ausgleich gegenüber der Geburtenabnahme gebracht. Es war daher immer noch ein geringer Geburtenüberschuß zu verzeichnen, die jüdische Bevölkerung Deutschlands konnte immer noch eine gewisse Zunahme aufweisen, die allerdings zum größten Teil auf das Konto der Einwanderung aus dem Osten zu setzen ist. Dieser Bevölkerungsentwicklung ist aber eine natürliche Grenze gesetzt. Je mehr nämlich die Zahl der alten Leute in einem Bevölkerungsorganismus zunimmt, um so mehr muß schließlich die Sterblichkeitsziffer ansteigen, selbst wenn die Kindersterblichkeit gar keine Rolle mehr spielt. Und wenn alsdann der Ausgleich durch eine entsprechende Geburtenziffer ausbleibt, so muß schließlich eine Stagnation und ein Rückgang der Volkszahl eintreten. In dieser Lage befindet sich zurzeit das deutsche Judentum. Bereits ist in einer Anzahl von Großstädten wie Berlin, Frankfurt usw. die Zahl der jährlich Gestorbenen größer wie die der Geborenen. Mit größter Deutlichkeit hat die Volkszählung von 1925 diese Verhältnisse klargelegt. Fast in allen deutschen Ländern und in zahlreichen Städten ist ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung festgestellt worden. Der Zustand, dessen Eintritt in Deutschland die Statistiker in etwa zwanzig Jahren prophezeien, nämlich das Stehenbleiben und den Rückgang der Bevölkerung, wenn der jetzigen Geburtenabnahme kein Einhalt geboten wird, ist bei den deutschen Juden bereits jetzt eingetreten, und sie sind auch jetzt wieder der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung vorangeeilt.

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