Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Ein moderner Tempel in Amsterdam
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 566 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912891-2912899-2924380--08418-2924537- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
566 MENORAH Dienst wird lebendig, wenn das Gesetz verlesen wird. Dann wendet sich die aufmerksame Gemeinde von allen Seiten der Stelle zu, von der das Wort der Offenbarung kommt. Und eben das ist der Leitsatz auch der Amsterdamer Anlage. Ihre Modernität rührt nicht an den alten geheiligten Brauch, im Gegenteil, sie empfindet seinen lebendigen Sinn und stellt ihn rein, ohne kleinliche, wesensfremde Nebengedanken, in sein ganzes Recht. Dasselbe geschieht auch bei der vergitterten Frauengalerie. Und ist in Holland nur selbstverständlich. Denn auch dort gibt es zwar sehr verschieden religiöse Juden. Aber selbst wenn in einem „Kirchenrat" die sogenannten Liberalen die Mehrheit haben, fällt es ihnen nicht im Traume ein, die Anlage ihres Tempels zu „reformieren", das heißt seiner ursprünglichen Bedeutung zu entfremden und ihn so zu verändern, daß er nicht mehr für alle Juden brauchbar ist. Aber auch vom Standpunkt der modernen Architekten ist konsequent nur diese eine Lösung möglich. Denn sie sind ja auch sonst in ihren Werken die natürlichen Gegner jeder Laune und Willkür, sie sind Diener am allgemeinen, einfachen Geist ihrer Aufgabe. Die vortrefflichen formalen Folgen bleiben dann nicht aus. Das wird auch bei dem Tempel in Amsterdam sofort offenkundig. Vom Lesepult des Gesetzes bestimmt, gewinnt die Anlage einen zentralen Charakter, der den Sinn der Synagoge — dem Haus der Versammlung um einen idealen Mittelpunkt — am besten entspricht. Dieser sinnvolle Zentralismus, der die — im Grunde christliche — Längsrichtung von vornherein unterbindet, das Bauwerk in die Breite führt und anch die Sitze nach der Mitte zu einstellt, verhindert aber nicht das ruhige Aufkommen jener andern einseitigen Orientierung, welche der Ostrichtung und damit der zweiten Funktion des Tempels ihre angemessene Geltung verschafft. Denn nach Osten wendet sich die Gemeinde beim Gebet und an der Ostwand wird im erhöhten Schrein das heilige Gesetz verwahrt. Wie das in Amsterdam sehr schlicht und doch auch sehr feierlich bewerkstelligt wird, vor allem durch eine zusammengehaltene Abfolge von vier einfachen, schlanken Bogen, die sich in der hellen Sprache ihres Materials nur wenig abheben von der etwas matteren Tünche der Wände und im übrigen nur den mäßigen Schmuck der schmalen farbigen Zwischenfenster mitnehmen, das verdient — besonders bei uns — die sorgfältigste Beachtung. Schon darum, weil diese Ostwand — besonders bei uns — als ein wahrer Tummelplatz von Schaustücken jeder Art behandelt wird, die doch mit allem ihrem verwirrenden Prunk an die Würde der Amsterdamer Lade nicht heranreichen.