Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Ein moderner Tempel in Amsterdam
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 567 (sequence 9)
- Language
- German
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EIN MODERNER TEMPEL IN AMSTERDAM 567 Und der nämliche Geist ist auch sonst dort am Werke gewesen. Wer unsere Bilder achtsam durchsieht, wird schon aus ihnen entnehmen können, wie folgerecht jedes Einzelstück — als körperhafte Form oder als breite Farbfläche, niemals als bloßer Zierat ■— au.s seinen gegebenen Stoffen und Bestimmungen gediegen und ernst entwickelt ist und wie es — etwa die stehenden und die hängenden Leuchter — unter sich übereinkommt. Aber wichtiger noch ist, daß alle Geräte und Teile dem Räume unterordnet bleiben, um ihm, nach Gebühr, die maßgebende Wirkung zu überlassen. Denn schließlich entscheidet bei jeder Architektur die Raumform. Diese Amsterdamer Raumform ist gewiß nicht leicht, nicht gar bewegt und noch weniger luftig aufgelöst. Die Wände, das offene Licht, die freie Weite des Saales schaffen eine durchsichtige Helligkeit. Aber das feste Gehäuse bleibt wirksam: in seiner überall klar liegenden Struktur, in seinem regulären und energischen Zuschnitt, in seiner umfassenden Gestalt und Ordnung. Das sind lauter vortreffliche Eigenschaften, zumal für den Anfang. Freilich, an das wunderbare Mysterium der portugiesischen Synagoge in Amsterdam wird man nicht denken dürfen. Die neue Synagoge ist anders, mußte es sein. Denn der Portugiesentempel kam aus einer anderen Verfassung und Stimmung seiner jüdischen Gemeinschaft. Der holländische Jude von heute ist nicht mystisch veranlagt. Der Architekt diente ihm nach seiner klaren Weise. Er gab ihm einen Tempel von sachlichem Ernst, aufrichtig und sauber, und in diesem Sinn auch feierlich. Einen modernen holländischen Tempelraum. Und einen modernen holländischen Tempelbau. Vor allem an diesem, an der äußeren Erscheinung des Bauwerkes, läßt sich sein nicht allgemein jüdischer, wohl aber rein nationaler Charakter ohneweiters erkennen. Mit dem bodenständigen Ziegel als Baustoff, mit der streng gewürfelten und scharf abgesetzten Form und dem Turmprisma als Zeiger, steht dieser Bau in viel engerer Verbindung mit der neuen profanen Architektur von Amsterdam als mit unseren, das heißt mit den allgemeinen Vorstellungen eines Judentempels. Aber auch das spricht nicht gegen das charaktervolle Werk. Man wird es nehmen müssen, wie es ist: als eine besondere holländische Tat und als einen wichtigen Baustein zur Lösung des Problems vom neuen jüdischen Tempel. Max Eisler