Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- Juden sollen Bauern werden!
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 486 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2912821-2912891-2912898-2924110--08241-2924274- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
486 MENORAH ,,Ein Jude, ein Jude! Nein, das ist er nichtl" und ließ ihn stehen. Neben einer großen Doppelhütte stand der Warschauer L. M., er schüttelte die Schläfenlocken und murmelte vor sich hin. Er verrichtete das Minchagebet. Dr. Löwenlhal trat gerade hinzu, als dieser Scheinheilige sich anschickte, das Achtzehngebet zu sprechen. Indessen kam auch Gerbl an, und der Direktor fragte: ,,Herr Gerbl, warum bewohnt dieser Mann eine Doppelhütte?" Gerbl zieht die Schultern hoch und schweigt. Löwenthal warnt ihn: ,,Passen Sie auf, Herr Gerbl, dieser Mann gefällt mir absolut nicht!" Wie sein Auge es ergründet hatte! Dieser Scheinheilige wurde später gemeinsam mit seiner Tochter wegen unzüchtigen Verhallens aus der Kolonie ausgewiesen. Am folgenden Tage ging keiner zur Arbeit. Alle versammelten sich vor dem Gebäude der Administration. Der „Revolutionär" Blumenfeld und mit ihm das übrige Gesindel und der kleinstädtische Mob lärmten, tobten und riefen: ,,Es muß nun ein Ende nehmen! Er soll uns unsern Grund und Boden geben! Wo ist unser Land? Wozu sind wir denn hiehergekommen?" ,,Lassen Sie unsere Familien kommen, Doktor!" forderten die Alleinstehenden. „Es wird gestohlen! Das Vermögen des Barons wird geplündert!" riefen die ehemaligen Makler und Kaufleute aus der Großstadt. Das Getümmel wurde so groß, daß einer den andern nicht hören konnte. Alle schrien im Haufen, und einer wollte den zweiten überschreien. Dr. Löwenthal stand inmitten der Menge, zuckte die Brauen und schwieg. Eine Schustersfrau aus Litauen, eine große, hagere Frau mit Namen Reines, bahnte sich mit ihren dürren Ellenbogen Weg durch die Menge und drang bis zu Dr. Löwenthal vor. „Beheizung!" quiekte sie mit ihrem dünnen Stimmchen. „Geben Sie uns Holz, Doktor! Das Fleisch wird nicht gar, der Kuhmist raucht bloß und brennt nicht! Sehen Sie her!" und sie steckte dem Direktor den feuchten Kuhmist unter die Nase. „Liebe Frau", erwiderte Löwenthal gelassen, „was läßt sich machen? In dieser Gegend gibt es kein Holz, und obwohl Argentinien an Waldungen so reich ist, ist jedoch die Zufuhr riesig teuer. Auch mit Kuhmist kann man heizen, er muß aber vorerst trocknen ..." „Trocknen?" keifte die Litauerin. „Vorerst aber möge das Londoner Komitee mit allen Beamten des Baron Hirsch dörren und ein-