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Menorah · 1929-09-01 · Heft 9-10 (September 1929) · p. Seite 475

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 9-10 (September 1929)
Article
An der Brücke
Date
1929-09-01
Page
Seite 475 (sequence 15)
Language
German
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AN DER BRÜCKE 475 Familie. Die Front verlieh den Mensehen Lauterkeit, geheime Angst vor etwas Höherem, Unbegreiflichem, gab ihnen Leiden, durch die man sich wie geheiligt fühlte. Hier aber lebten sie untereinander wie unter Feinden, einer betrog, beschwindelte und bestahl den andern, und das war unerträglich. Dort war er Soldat. Hier aber war er ja ein freier Mann, ein Taglöhner. und das Blut kochte in ihm vor Zorn gegen die Leute in den Lederjoppen. Sooft er am Morgen zur Schreibstube kam, wo die Arbeiter ausgerufen wurden, war er dann durch Stunden hindurch von neuem aufgewühlt und verwirrt. Vorläufig war er noch nie der Zehnte gewesen und hatte für fremdes Verschulden noch keine Ohrfeigen bekommen. Das war Schicksalsfügung. Nicht das aber war es, was ihn beängstigte. Nun, da er in der Reihe stand und die gewaltige, graue, schattenhafte Menschenmasse um sich beobachtete, die Matrosen mit den Laternen in der Hand, den Major Meyer, den mit Holz, Eisen und Steinen beiadenen Platz, den schwarzen, reißenden Fluß, den Morgenwind, der die Laternen rüttelte und gebrochene Lichtstreifen bald auf die eine, bald auf die andere Menschengruppe warf, dünkte er sich in ein anderes Geschöpf verwandelt und in ein anderes Land verschlagen; dünkte er sich als einer jener Tausenden von Negern, die unter Kolben- und Geißelhieben in die Plantagen zur Arbeit getrieben werden Dieses Gefühl übermannte ihn derart, daß er sich mit der Hand ins Gesicht greifen mußte, als wollte er sich überzeugen, ob er auch wirklich er sei. Die Leute in den Lederjoppen nahmen bei ihm sonderbare Formen an, wuchsen ins Unermeßliche. Ebenso steigerte sich auch sein Haß gegen sie. Indessen hatte er auch schon den ersten Zusammenstoß mit einem Matrosen. Er ging von der Stelle zurück, wohin er einen Balken gebracht hatte, und schleifte den Strick am Boden, um ihn dann an ein zweites Holzstück zu binden, das er mit dem Wasser führen wollte. Da begegnete ihm sein Aufseher, der Hiifsmonteur Gerlak. Er hätte ihn grüßen, auf jeden Fall aber etwas zur Seite rücken müssen, um ihm, obwohl der Weg breit genug war, Platz zu machen. Er tat es nicht. Da stellte ihn der Deutsche: .,Halt, wohin kriechst du denn?" „Zum Platz um einen Balken." „Wo hältst du denn die Pratzen!" schrie der Deutsche. Lerner wußte, daß er die Hände aus der Tasche ziehen sollte. Aber

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