Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- An der Brücke
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 476 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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476 MENORAH wie immer kämpften auch jetzt zwei Gefühle in seinem Innern: Angst und Draufgängertum, und er behielt weiter die Hände im Sack und erklärte lieber: „Jetzt gehe ich ja zur Arbeit zurück!" ..Hände raus!4" „Muß man denn das Seil mit beiden Händen schleppen?'4 „Hände raus, Donnerwetter!" Der Haß gegen diese Leute war so gewaltig, daß jedes andere Gefühl in ihm verstummte. Nichts als Feindschaft nistete in ihm. Die Deutschen hielten hier alles so stark unter der Fuchtel, daß nicht bloß die Menschen und Maschinen ihnen botmäßig waren, sondern auch die Gefühle. Und da er seine Ohnmacht und Hilflosigkeit in verstärktem Maße zu spüren bekam, wuchsen die Deutschen in seiner Phantasie ins Riesenhafte und schienen ihm unüberwindlicher als sie wirklich waren. Je stärker sie ihm vorkamen, desto mehr vergrößerte sich die eigene Minderwertigkeit, die eigene Ohnmacht in seinen Augen. Das ließ übertriebene Hirngespinste und kränkliche Rachegefühle in ihm reifen. Und wie er so vor den Klotz gespannt ging, sah er nichts mehr als die Deutschen vor sich, und sonderbare Gedanken arbeiteten in seinem erregten Gehirn. Es schien ihm, als wachse er sich mit einemmal selbst zu riesenhafter Gestalt aus, als sei er mit übermenschlichen Kräften begabt und stehe an der Spitze dieser grauen, gebückten und abgerackerten Menschen und kommandiere sie; und in wilder Wut und mit wahnsinnigem Ungestüm stürmen alle auf seinen Befehl vorwärts, brechen, reißen und schlagen alles in Trümmer, was da am Ufer liegt: die Lederkostüme und ihre Eigner, die Maschinen und Landstürmer, die Balken und Steine, die Baracken und Stacheldrähte. Seine Phantasie lebte sich jetzt in ebensolch krankhaften und überreizten Bildern aus, wie in der Jugend, als er im Cheder lernte, daß die Juden von Pharao gequält wurden, oder wie manchmal, wenn er, vom Lehrer verprügelt, keine Möglichkeit sah, sich zu rächen. Er zog die Balken mechanisch und unbewußt wie ein alter Gaul, der auf den Ruf „Hü" zu laufen beginnt. Seine Augen waren vorwärts gerichtet und weit offen, aber sie sahen nichts, selbst das nicht, was in unmittelbarer Nähe geschah. An der Brücke spielte sich ein wichtiges Ereignis ab. Major Meyer schritt selbst das Ufer ab und sah mit Behagen, wie die Brücke wuchs und von Stunde zu Stunde größer wurde.