Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- An der Brücke
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 474 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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474 MENÖRAH Das soll der rein ukrainische Name Tereschtschenko sein, der im Munde der Bayern verstümmelt wurde, aber ehe sich der noch melden konnte, folgt schon ein zweiter, dritter und zwanzigster. Alle stehen bereit, jeder hinter seinem Aufseher. Einigen jedoch fehlt etwas, dem einen der Hut, dem zweiten die Stiefel, dem dritten die Fußlappen. Major Meyer umfängt mit seinen stahlharten Blicken die umschatteten Köpfe und gibt einen kurzen Befehl: „Achtung! In Reihen!44 Alle stellen sich in Reih und Glied. Die Matrosen schreiten die Front ab, berühren jeden mit dem Finger, als musterten sie Ochsen, und zählen: „Eins. . . zwei, drei . . . sechs, neun, zehn, heraus!** Der zehnte muß immer büßen, gleichgültig, ob er ein Messerheld aus Praga oder ein jüdischer Bethausdiener ist. Wäre er der Sechste, Achte oder sogar der Neunte in der Reihe gewesen, es hätte ihm nichts passieren können. Aber er ist der Zehnte und muß die Verantwortung tragen, muß zusehen, daß der Kartenspieler die verpfändeten Schuhe und der Bestohlene die Mütze zurückbekomme. Das läuft nicht ohne Ohrfeigen ab. Major Meyer liebt es, Ohrfeigen auszuteilen. „Pupp, Gerlak," ruft er den Matrosen zu, „fester zupacken! Den Diebsvogel herauskitzein!4' Pupp, ein Mann, der mehr als zweihundert Pfund schwer ist, hat einen blonden Bart, den er vorne rasiert trägt und unten am Halse stehenläßt. Wenn ein Kran am Ufer befestigt werden soll, bindet er drei Zoll starke Seile so leicht wie Spagat. Gerlak ist hager und groß, hat übermäßig lange Arme und Beine, er ist aber flink wie eine Katze. Wenn er einem eine Maulschelle versetzt, so tut er es immer so sachgemäß, daß dem Betroffenen das Blut von allen Seiten, aus Nase und Zähnen zu strömen beginnt. Beiden ist es darum zu tun, beim Major nicht die Achtung zu verlieren, und sie hauen so tüchtig drein, daß der Geschlagene wie ein Baum zusammenknickt, der von der Säge gefällt wurde. Nach den Ohrfeigen wächst die Mütze oder das gestohlene Stiefelpaar wie aus der Erde heraus. Lerner begab sich ans Ufer und schleppte seinen Klotz, aber er wußte nicht, was mit ihm geschehen war. Der Soldat Lerner hatte an der Front grauenhaftere Dinge erlebt und gesehen. Dennoch aber fühlte er sich dort besser und heimischer als hier. Dort standen die Soldaten einander näher. Die beständige Gefahr, das Leben im Kugelregen erzog alle zur Gemeinschaft wie eine