Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- An der Brücke
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 473 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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AN DER BRÜCKE 473 Schließlich durchschneidet das dritte Signal die Luft und die Menge strömt zur Schreibstube, wie zu einem Brande. Die Weichsel ist stürmisch und schlägt Wellen. Von Wind und Nacht gejagt, brandet sie gegen den Schutzdamm als wollte sie ihn einrennen. Auf dem weiten Platz, der mit Eisenträgern, Balken und Maschinen vollgelagert ist, stehen bereits die Hilfsmonteure und Matrosen. Mit Laternen in der Hand eilen sie umher und suchen sich ihre Leute zusammen. In den gepichten Hosen, hohen Wasserstiefeln, Lederjacken und Mützen, und von den flimmernden Karbidlampen beschienen, sehen sie in dieser stürmischen Nacht wie Piraten aus, die einen Raubüberfall vorbereiten. Um sie herum scharen sich Arbeiter, verschlafen, gebrochen und übernächtig, der eine in einem russischen Militärmantel, der andere, die Füße in Säcke gepackl, ein dritter mit einem verbundenen Auge, ein vierter in einem Damenjackett aus Plüsch mit geschnürter Taille und breiten, mit Flitterwerk bestickten Bauschärmeln . .. Ein wahres Babel bildeten die Leute am Brückenbau: Sträflinge, die die Russen vor dem Abzug laufen ließen, und fromme, aus ihrer Heimat vertriebene Kleinstadtjuden, oder solche, deren Häuser eingeäschert wurden; hagere Schneider und gemästete Fleischhauergehilfen; breitgebaute Sandführer und ländliche Bauernsöhne mit langen, ausgewachsenen Armen und naiven Gesichtern; russische Unterbeamten, die keine Zeit fanden zu flüchten; gefangene Soldaten, Zuchthäusler, aus Sibirien an die Front geschickt, und Gefangene, wohlgesittete Großrussen, die alles mit unschuldigen Augen betrachten und still und demütig alle Pein der Welt als eine Fügung Gottes ertragen. Alle waren sie da versammelt, jeder mit seiner Vergangenheit und seinem Leben, hier aber auf dem geräumigen Platz galten sie nichts mehr als eine Nummer, die einem der Matrosen in den gepichten Arbeitskleidern unterstand, dem Matrosen Gerlak oder Hart, dem Monteur Pupp oder Hilfsmonteur Winzel. Die Tür der aus Holz gebauten Schreibstube, die so hart am Ufer steht, daß sie ins Wasser zu fallen scheint, öffnet sich endlich, und Major Meyer selbst, die Porzellanpfeife im Mund und in einem grauen Rock, der aus einem russischen Militärmantel angefertigt wurde, erscheintauf der Schwelle und begrüßt bloß die Malrosen: ,,'n Mojen! Sind alle am Platz?" Die Ordonnanz mit dem vorgestreckten Hintern steht steif und geradegereckt, liest aus einer Liste die schweren russischen und polnischen Namen vor, stockt jedesmal und verdreht sie. „Nummer eins! Te—tsche—tschenko—Ifan."