Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- An der Brücke
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 472 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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472 MENORAH eigenen Körper. Und noch ehe man sich ausschlafen kann, wird man geweckt. Gewehrkolben klopfen an die dünnen Wände. „Aufstehen, faule Bande!" In der Baracke entsteht Lärm und Gepolter. Von überallher Stimmen: „Wo ist meine Kappe?" „Um Himmels willen, man hat mir die Taschen ausgeschnitten, die paar letzten Mark herausgenommenI" „Jesus, Maria! Meine Stiefel, ein Paar neue Stiefel!" Nacht um Nacht spielen sich dieselben Szenen ab. In der Baracke ist es dunkel, das Pfeifensignal ruft einige Stunden vor Tagesanbruch, es kollert so lange durch die Lüfte und schrillt mit solch schütternden Tönen, daß sie sich ins Trommelfell bohren. Eine Weile hält es inne. um dann mit neuer Wucht zu beginnen. Und die Leute beeilen sich, der eine zieht die Fußlappen an, der andere bekreuzigt sich, ein dritter nagt an einer schwarzen Wurst und schlürft Wasser dazu, ein vierter läuft halbnackt umher und sucht seine Kleider, die man ihm versteckt hatte, ein fünfter pfeift fröhlich vor sich hin, und ein Jude mit struwweligem Bärtchen steht an einer Stelle und rührt sich nicht vom Fleck. „Ihr lieben Juden," fleht er, „bringt mir doch ein wenig Wasser zum Händewaschen." Vor dem Schlafengehen hatte er sich eine Flasche mit Wasser unter den Kopf gelegt, um sich am Morgen, wie es der jüdische Rilus vorschreibt, die Hände waschen zu können. Irgendwer aber hatte sie hervorgezogen und leergetrunken. Nun kann er nicht von der Stelle. Er darf ja am Morgen vor der Händewaschung nicht einmal vier Ellen weit gehen, und bis zum Wasserkessel ist ein gutes Stück Weg. Die Leute platzten vor Gelächter. „Pissen Sie sich auf die Hände, guter Mannl" wird ihm geraten. Und in einer zweiten Ecke steht ein christlicher Bursche mit gesträubtem Kopfhaar und einem Kreuz ans Zinn über der hageren Brust und droht mit dem Finger: „Dann werde ich eben nackt zur Brücke gehen, wenn ich den Rock nicht zurückerhalte. So wahr ich lebe..." Er hatte in der Nacht Karten gespielt. Da ihm Geld fehlte, verpfändete er seinen einzigen Rock. Er hat ihn verspielt und bereut es nun. Er will sein Kleidungsstück zurück haben, doch niemand gibt ihm Antwort. „Du hättest nicht spielen sollen", sagen sie. „Ein Tropf gibt, ein Kluger nimmt. Nicht wahr?" „Gewiß . . ."