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Menorah · 1929-09-01 · Heft 9-10 (September 1929) · p. Seite 470

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 9-10 (September 1929)
Article
An der Brücke
Date
1929-09-01
Page
Seite 470 (sequence 10)
Language
German
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470 MENORAH Von dort wurde er wo anders hingewiesen. Jeder schickte ihn an eine andere Stelle. Der Frontsoldat Lerner, der an allen Fronten seinen Mann gestellt hatte, konnte sich hier in der riesengroßen, dunklen Baracke keinen Rat schaffen. Es war das erstemal, daß er sich in solcher Gesellschaft befand, und er wußte nicht, wie er sich in diesem finstern, mit faulem Stroh gebetteten Raum benehmen und einleben sollte. Die Luft war vom Gestank schweißiger Füße und Lappen, fauler Säcke, schmutziger Wäsche und von Schnarchen erfüllt. Als er eintrat, wurde so viel Kohle in den Ofen geworfen, daß es heiß war wie in einem Bad. Da zogen sich die Leute splitternackt aus, nahmen ihre Hemden und Leibchen vor, und die Jagd begann. Es ging die Wette, wer mehr fangen würde, und immer gewann sie der Bursche mit dem Sack um die Schultern. Bravo!" applaudierten sie ihm, ..Schmielikl Schultek hat wieder Rekord geschlagen, ein Mordskerl, dieser Schmielikl . . ." Bald aber ließ die Hitze nach und es wurde so kalt, daß es einen bis ins Mark schauderte. Der Ofen durfte wegen Feuersgefahr nicht bis spät in die Nacht hinein geheizt werden. Das Rauchen war verboten, selbst das Sprechen. Um die Baracke zogen sich Stacheldrahtzäune, deutsche Landstürmer hielten Wache und klopften jeden Augenblick mit den Gewehrkolben an die Wände. „Schnauze halten, Schweine!" Aber in den Baracken wurde wenig auf sie geachtet. In den finstern Ecken saßen Gruppen, Junge und Alte, Juden und Christen, und spielten im Scheine der brennenden Zigaretten mit fettigen Karten. „Ein Zehner?" „Nein, ein Zwanziger ', entgegnete eine heisere Stimme. „So geb' ich einen Zehner und Zwanziger auf einmal", warf ein Dritter ein. Lerner wälzte sich auf dem mageren Strohbündel, das er endlich erwischt hatte, preßte seine erfrorenen Hände gegen den eigenen Leib und konnte nicht einschlafen. Neben ihm, die Füße knapp vor seiner Nase, lagen bejahrte Bauern, die so schnarchten und keuchten, daß man glauben konnte, sie erstickten. Gedämpfte Stimmen drangen aus dem Winkel der Kartenspieler herüber. „Das sind saubere Zeiten," sagte Schmielikl Schultek, „wenn Schmielikl für diese dummen Piefkes arbeiten muß." Schmielikl war zu Zeiten der Zarenherrschaft ein Giftmischer gewesen. Wenn ein Fuhrmann mit dem andern Streit hatte und das Pferd

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