Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- An der Brücke
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 469 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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AN DER BRÜCKE 469 Mit übermütigen Sprüngen liefen sie zum Platze, wo der Kessel kochte, um noch rechtzeitig eine dichtere Suppe und zuweilen, wenn das Glück einem hold war, ein Stück Ochsenknie zu erhaschen. Lerner blieb mit seinem Klotze und seiner Schande allein. Als er schließlich den breiten Platz um die Baracken, wo die Küche stand, erreichte, fand er nur mehr das letzte leere Wasser vor. Der Koch, ein hinkender Landslurmmann mit großer Brille, die mit Schnüren um die Ohrmuscheln befestigt war, bückte sich über den Kessel, wühlte darin mit den behaarten, rußigen Händen, stierte mit den von Dampf angelaufenen Brillengläsern auf den schwarzen Grund und schrie: ,,Rück' näher, Quatschmaul, es gibt noch etwas Dreck ..." Und er goß Lerner eine trübe, schüttere Flüssigkeit ein, die diesen Namen verdiente. Lerner warf einen Blick auf die Flüssigkeit und auf die Leute, die vor ihren Kesseln saßen und sie ausleckten, oder hartnäckig einen Knochen benagten, und wußte nicht recht, was damit anzufangen. Die paar Stunden Arbeit hatten ihn ausgehungert und der Geruch von Dampf, Öl und Graupen prickelte ihn in der Nase. Aber das Gericht, das ihm der Deutsche mit dem sonderbaren Namen bezeichnet hatte, konnte und wollte er nicht essen. Er hatte vor, es einem der herumsitzenden Leute zu geben, als er sich aber an die vorangehende Szene auf dem Arbeitsplatze erinnerte,nahm er seinen Kessel und schüttete die Flüssigkeit mitten auf dem Platze aus. Die Leute blieben verdutzt, sie wußten nicht, ob sie lachen oder Resp-ekt haben sollten. Da schwang der Koch den großen LöfTel und rief zornig: „Jude, ich verhafte dich sofort!" Seine ganze Kochkunst schien ihm vor aller Augen verletzt worden zu sein, und er fuchtelte mit dem riesigen Kochlöffel, um ihn Lerner über den Schädel zu hauen. Lerner zog noch rechtzeitig den Kopf zurück und hungrig, gereizt und erbittert ging er wieder ans Ufer. Die Leute begleiteten ihn mit ihrem Spott: „Willst du Fleisch?" riefen sie ihm nach, „Kneif es dir aus dem Hintern." 1 >! achte war es in der Baracke zum Ersticken enge. Wohin sich Lerner auch wandte, um sich im Stroh ein Lager zu bereiten, trat ihm jemand entgegen, bedeckte den Platz mit beiden Händen und schrie: ,.He, he, wo kriechst du hin? Geh weiter, dort ist frei!"