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Menorah · 1929-09-01 · Heft 9-10 (September 1929) · p. Seite 468

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 9-10 (September 1929)
Article
An der Brücke
Date
1929-09-01
Page
Seite 468 (sequence 8)
Language
German
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468 MENORA II plötzlich der Pfiff, der zum Mittagessen rief, durch die Luft schwirrte. Lerner wußte noch nicht, welche Macht dieses Signal besaß. Auf dem ganzen Platz war es der mächtigste Herrscher, der unerbittlichste Tyrann. Ebenso wie nicht der tiefste Schlaf, nicht die angenehmste Minute dem Signal, das zur Arbeit rief, widerstehen konnte, so hatte auch nichts auf der Welt die Macht, einen zurückzuhalten, wenn dieser Pfiff Feierabend verkündete. Hatte man eine Last auch nur eine Minute noch zum Bestimmungsort zu schleppen, so wurde sie von der Schulter geworfen, wenn das Signal zur Mittagspause erscholl, und die Leute liefen pfeilschnell zum Platz, wo die Küche stand. Dagegen konnte niemand etwas einwenden, weder die Matrosen mit entblößtem Hals, noch die Maschinisten in den gepichten Hosen, noch Major Meyer, selbst nicht der praktische Verstand, der einem riet, die Last lieber an Ort und Stelle zu bringen, als sie dann mit größerer Kraftanstrengung wieder heben zu müssen. Solche Macht besaß der Pfiff hier! Lerner hatte nur das eine zu tun, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und fortzueilen, mochte der Klotz auch bis Danzig schwimmen. Er tat es aber nicht und schleppte ihn bis zum Bestimmungsort weiter. Längs des Ufers liefen Arbeitergruppen vorbei und hielten sich mit einer Hand an einem Balken an, der ihnen im Wege lag. Als sie Lerner vor den Klotz gespannt sahen, warfen sie ihm feindliche Blicke zu. Andere verspotteten ihn. ,,Lass' los, du Nilpferd!" schrie ihm ein Bursche mit verbundenen Zähnen zu, „Trottel, willst die Piefkes noch reicher machen? .. ,,Nicht loslassen, du deutscher Speichellecker/' rief ein Christ in polnischer Sprache und schüttelte sich vor Gelächter, „setz' dich lieber rittlings auf den Klotz . . „Hej, du Höllender! .. ." brüllte ein Gefangener, ein bärtiger Großrusse, der bloß einen Stiefel, um den andern Fuß einen Lappen gewickelt hatte, und ging, von einem sehr kleinen deutschen Soldaten bewacht, zur Küche. Lerner sah die Leute, die von rechts und links über ihn herfielen, verständnislos an und wußte nicht, ob er den Balken weiterschleppen oder auslassen sollte. Er schob den Hut aus der Stirn, als wollte er die Situation besser überblicken. Das Blut fuhr ihm in die Schläfe und wallte durch die Narbe, die vom Haaransatz bis zur Braue reichte. Er hätte sich jetzt allen entgegenstellen können, so sehr war er von Zorn überwältigt. Doch ehe er sich umsah, waren alle verschwunden.

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