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Menorah · 1929-09-01 · Heft 9-10 (September 1929) · p. Seite 466

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 9-10 (September 1929)
Article
An der Brücke
Date
1929-09-01
Page
Seite 466 (sequence 6)
Language
German
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466 MENORAH dergestalt, daß man nicht wissen konnte, ob er fünfzehn oder dreißig Jahre alt wäre. Es fror ihn immer in seinem dünnen, zu kurzen Böcklein. Niemand hatte Lerner an die Leute gewiesen, keiner sagte ihm, was er zu tun habe. „Geradeaus4', zeigte ein Deutscher in einer Lederjoppe, ohne weitere Hin zu f ügung. Er trat auf die Leute zu, mit denen er arbeiten sollte, und begrüßte sie. „Guten Morgen.*' Keiner erwiderte. „Ich wurde zur Arbeit hierher geschickt.1" „Sehr erfreut", entgegnete der Blonde mit dem Sack auf dem Kücken. Die Unistehenden lachten roh auf über diese Antwort. Lerner wußte nicht, was anzufangen und stand mit müßigen, fremden Händen da. Der Blonde drückte sich tiefer in den Sack hinein, geduckt, mit gekrümmtem Rücken und mitleiderregend schlich er sich an Lerner heran. „Sei ein Kamerad," wandte er sich an ihn. „zieh' mir doch die rechte Hand aus, sie ist mir eingeschlafen/" Lerner musterte den Kerl eine Weile und sagte lächelnd: „Bist an den Unrechten geraten." Die Leute warteten ungeduldig. Jeder neue Arbeiter wurde hier auf diese Weise begrüßt: Er wurde ersucht, einem den Fuß oder die Hand zu ziehen, und während er es tat. fuhr ihm zusammen mit dem Dank ein unangenehmer Geruch in die Nase. Lerner hatte den Blonden durchschaut. „Mach' es dir selbst," gab er lächelnd zurück, „vorbeigelungen . .."" „Kein grüner Junge", sagten die Leute und hechelten den Blonden. ..Nun, Schmielikl Schultik, zieh* dir selbst das Bein aus Erst jetzt reichten sie Lerner einen nassen Strick, rollten einen Klotz ins Wasser, banden ihn an ein Ende des Strickes, während sie das andere zu einer losen Schlinge knüpften und Lerner wie einen trägen Gaul anfeuerten: „Hopp, hopp, ho!" Lerner ging am Ufer, watete im lehmigen Morast und geriet in Zorn. Warum schreien sie denn so?, dachte er gekränkt: Warum rufen sie „Hopp" wie eine Horde von Kutschern zu einem alten Pferde? Lerner war nicht befriedigt. Keineswegs. Als er zu Fuß zur Brücke ging, wo Arbeitskräfte benötigt wurden, war er froh und gut gestimmt. Schon seit jeher wTar es sein Traum ge-

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