Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- An der Brücke
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 465 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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AN DER BRÜCKE 465 fähig wäre, der Major aber ließ ihn nicht zu Worte kommen, drückte ihm eine Blechnummer in die Hand und schloß: „Nummer dreihunderteins. Verpflegung vom Kessel, Nächtigung in der Baracke, dreißig Pfennig Taglohn, Feiertage keine. Kriegszeit. Verstanden?" Lern er hielt die Nummer in der Hand und wollte sie fallen lassen, weil er nicht recht wußte, was hier vorging. Der Major aber vertiefte sich wieder in die Papiere, die vor ihm lagen, und die bärtige Ordonnanz packte Lerner am Arm und zerrte ihn wuterfüllt hinaus. „Marsch! Dein Aufseher ist Hilfsmonteur Gerlak. Ein Matrose. Geradeaus." Ein Geklapper von Stahl, Eisen und plantschendem Wasser drang durch die halbgeöffnete Tür, zog Lerner mit und surrte: ,,S—s—s, r—r—r ..." JLfen ganzen Tag, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein, war Lerner von der Arbeit in Anspruch genommen. Längs des morastigen, lehmigen Uferbodens waren Klötze und Balken geschichtet, die in dem aufgeweichten Boden versanken. Diese Hölzer mußten, noch bevor die Weichsel zu vereisen begann, zur Brücke überführt werden, wo sie als Pfeiler in den Fluß geschlagen oder als Schutzwälle um die steinernen Brückenträger verwendet wurden, damit kein Eis herankommen könne. Sie wurden auf dem Wasser, entlang dem Ufer, geschleppt. Lerner war den ganzen Tag vor die Balken gespannt wie ein Gaul vor den Wagen. Um seine Brust einen dicken Strick, dessen zweites Ende an einen Klotz gebunden war, ging er hart am Flusse und zog das schwimmende Holz. Die erste Begegnung mit den Arbeilskameraden am Platze war nicht angenehmer als jene in der Schreibstube, wo er sich zur Arbeit meldete. Auf einem freien, lehmigen Platze, wo Ziegel, zerbrochene Flaschen, Konservenbüchsen, Stacheldraht und allerlei Unrat umherlagen, traf er einige Leute, die sich um verstreute Balken zu schaffen machten. Der eine war ein Mann mit blondem, unrasiertem Bart und einem Sack auf dem Rücken anstatt eines Rockes; der zweite ein kräftiger, schwarzer Kerl mit kurzen, klotzigen Beinen, die in noch kürzeren Stiefelröhren staken; der dritte war pockennarbig, hatte einen schwarzen, krausen Schnurrbart und trug einen dünnen Regenmanlei, der nicht auf sein Maß bestellt war; der vierte schließlich, ein winziges, blasses Männlein in einem ausgewachsenen Rock mit einer Schnur umbunden, schien