Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Juden sollen Bauern werden!
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 417 (sequence 10)
- Language
- German
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JUDEN SOLLEN BAUERN WERDEN! 417 IX. Die Verköstigung und das JVlagazin für Bedarfsartikel Die Tage gingen dahin. Es kamen neue Emigranten, fast jeden dritten Tag eine neue Gruppe. Diese waren schon besser ausgestattet als wir, denn bei ihrer Ankunft stand viel Holz und Blech bereit. Unsere Arbeiter errichteten Hütten, in denen die Ei invaliderer vorläufig einquartiert \vu r den. Der große Laden des Barons trat in Funktion. In dem großen Magazin gab es Waren, deren Wert in die Tausende ging. Große, vollbeladene Wagen mit Bedarfsartikeln wurden täglich im Magazin eingelagert. Buchhalter und Kommis wurden bestellt, um den Laden in Ordnung zu halten. Die Administration gab für jeden Konsumbücher aus, auf denen man alle möglichen Dinge: Lebensmittel, Stolfe laut der Zahl der Familienmitglieder beziehen konnte. Zur Ausfolgung eines Gegenstandes bedurfte es einer Ordre des Administrators, der Herr über uns und alles war, was die Emigranten betraf. Wer kann die Freude der Heimatlosen schildern, als sie diesen Laden voll mit Lebensmitteln und anderen Gegenständen sahen, die ihnen so sehr abgingen? Nun mußte man nicht mehr von Zwiebak und Fleisch leben. Auf das Konsumbuch konnte man Reis, Öl, Makkaroni und feines, nicht mehr jenes schmutzige Salz der Laguna bekommen. Und — mehr als das: Kerzen und Petroleum! Licht, Licht — das ist doch keine Kleinigkeit! Wer schon einmal wochenlang im Finstern gelebt hat wie wir, der wird Beleuchtungsmaterial zu schätzen wissen! Jeder Familienvater erhielt eine Lampe. ..Die Lampe des Barons;' wurde sie viele Jahre genannt, und bei einigen Kolonisten steht sie noch heute als Andenken an die Finsternis, welche uns einmal umgeben hatte. Mit welcher Freude hatten wir diese Funsel angezündet! Eine weitere Wohltat war der Tabak. Jeder erhielt 150 Gramm in der Woche. (Von den Protektionskindern wird an anderer Stelle die Rede sein, sie bekamen alles in Hülle und Fülle.) Wer kennt nicht die Qual des Rauchers, wenn ihm der Tabak fehlt? Getrocknetes Gras und Maisblätter hatten wir bis dahin geraucht! Man goß geschmolzenen Talg in eine Blechbüchse oder einfach in ein Erdgrübchen, aus den Fäden eines Frauenschals, welcher noch von Rußland her stammte, wurde ein Docht gedreht, und damit pflegten manche ihr Zelt zu beleuchten. Und nun wurden wir auf einmal diese Plackerei los. So sahen wir uns allmählich auf dem Wege des Fortschritts.