Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1929-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1929) · p. Seite 399

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1929)
Article
Der erste Schultag
Date
1929-07-01
Page
Seite 399 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912891-2912897-2923860--08073-2924013
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DER ERSTE SCHULTAG 399 Die Gemeinde fällt ein. Chaim sieht und hört nichts sonst. Wie ist der Vater so ganz anders, wenn er die heiligen Worte sagt — so fromm, sanft, mild, fast wie die Mutter, wenn sie in der Sabbathdämmerung ,,Gott von Awrom" singt. Chaim ist im siebenten Himmel. Er erwacht aus seiner Versunkenheit, als Vater verstummt. Schon aus? Gott sei Dank, nein! Der Vater holt die Thora aus der heiligen Lade. Am Ende wird er auch den Wochenabschnitt vorlesen? Chaim wagt es kaum, auf so viel Glück zu hoffen. Da kommt er schon mit der Thora, und Chaim steht auf, um die Thora zu küssen. Da zuckt ein Zornesblitz aus den Augen des Vaters an ihm vorbei —- das gilt Beerisch! Was hat der wieder angestellt? Chaim wendet den Kopf zur Seite — Beerisch ist nicht da!-----Auf dem Heimweg aus dem Bethaus ist der Vater still und in sich gekehrt. Nachbar Schi je kriegt kaum ein Wort aus ihm heraus. Beerisch ist nicht zu Hause. Er war da, und Bube Genendel hat ihm sein Essen gegeben, dann ist er wieder fort. Der Vater fährt sich mit der Hand über das Gesicht, so wie man eine Fliege verjagt. Nach dem Essen fragt er die Mutter mit einem Blick auf Chaim: „Was sagt Luser Juwan?" Die Mutter wird blaß und rot: und wieder blaß. ,,Er ist doch erst vier Wochen im Glieder." „Erst vier Wochen? Vier Wochen ist eine lange Zeit. Schijes Mottet liest schon ganz gut. — Bring's Gebetbuch, Chaim; wir wollen sehen, was du gelernt hast." Chaim bringt gehorsam das Gebetbuch. „Fang* an", sagt der Vater ganz sanft. Chaim schaut auf die krausen Buchstaben und schweigt. Einen raschen, hilfesuchenden Blick hat er zur Mutter getan; sie hat ihn nicht gesehen, denn sie hat mit dem Abräumen zu tun. Nur Bube Genendel starrt zu ihm herüber. Chaim weiß nicht, was der seltsam lauernde Ausdruck bedeulet. Die schöne Channe lacht ihn ermutigend an. „Fang' an!" herrscht ihn der Vater an. Chaim schweigt. Der Vater fragt mit offenbarer Beherrschung: „Was ist das?" und zeigt auf den ersten Buchstaben der ersten Seite. „Mem", sagt Chaim. „Und was steht drunter?" „Pathach." „Gut", sagt der Vater erleichtert. „Zusammen?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.