Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Der erste Schultag
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 397 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DER ERSTE SCHULTAG 397 meldete sich sein stets waches Schamgefühl, und er schwieg. Die Ruhe hielt ihm einen prachtvollen Apfel hin, einen von den lederhäutigen, die sie den ganzen Winter im Sand hielt, und die so wunderbar schmeckten. Da brüllte der Reifer: Herein! Lernen!*' ..Heb' mjir ihn auf!" flüsterte Chaim der Mutter zu, der er den Apfel reichte und verschwand. I". I N VE R S I Ö R I ER S A B 13 A I II Der strahlende Tag tiug bös an. Wie der schlanke, hochgewachsene Vater aus der Wohnung trat und die dunkeln Augen prüfend zum wolkenlosen Himmel erhob, wußte Chaim. daß es um die Laune des Vaters nicht gut bestellt war; er machte ein sorgenvolles, grimmiges Gesicht. Chaim vergrößerte unbewußt den Abstand zwischen sich und dem Vater, den die Sittsamkeit gebot. Erst als sich Nachbar Schije Ritter auf dem Gang zur Synagoge mit dem Gruß: ..Gut Schabbes!'" zu ihm gesellte, kam das Kind neugierig näher. .,Wieder kein Regen," sagte Schije, „die Sonne verbrennt alles aufm Feld." Der Vater wandte sich um. Zorn dämmte ihm aus den Augen. „Geh' zurück," herrschte er das Kind an, „Beerisch soll sofort kommen, sonst breche ich ihm die Knochen im Leib/4 Ja, Reerisch'. Ein so lieber Junge, so gefällig, so lustig, so klug und macht dem Vater so viel Ärger! Ruhe Genendel hat drei Kinder. Chaims Vater ist der Älteste und führt mit ihr zusammen das Getreidegeschäft weiter, seitdem der Seide tot ist. Das ist schon lange her. Chaim hat den Seide nicht gekannt. Muhme (manne ist das zweite Kind. Sie ist ein großes Mädel mit einem Gesicht wie Milch und Blut und schönen weißen Zähnen. Auch sie ist freundlich zu Chaim, aber er weiß nicht recht, was er von ihr halten soll. Sie ist den ganzen Tag weg, denn sie lern! Hüte machen: wenn sie am Abend nach Hause kommt, liegt Chaim schon in tiefem Schlaf. Da geschieht es denn nicht seilen, daß er durch Schreien und lautes Weinen geweckt wird. Der Vater schilt Channe, Chaim weiß nicht recht, warum; es scheint, der Vater mag es nicht, daß sie immer so spät nach Hause kommt. Die Bube schreit gegen den Vater, und Channe weint. Manchmal wenden sich alle drei zur Mutter Chaims: ,,Nu, was sagst du, Leie?" Aber Mutter sitzt still in ihrem Winkel bei der Lampe und strickt. Die Nadeln fliegen, man kann Mutters Augen nicht sehen, weil sie den