Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 382 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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382 ME N ORAH den Propheten zu hören. Themen aus der Bibel sind aus der Mode gekommen. Glaubst du, ich sehe nicht, wie sie kichern, die jungen Leute? Und das Wispern auf dem Chor oben und das Murmeln, wenn ich nach der zweiten Hymne von meinem Stuhl aufstehe? ,Wird er wieder eine Predigt halten?' Ja, natürlich! Na, mein Nachfolger wird sie schon fesseln. Reden über die sexuelle Frage, politische Vorträge, das wollen sie. Vorträge!" Sie waren jetzt beim Tempel angelangt. „Die Jugend macht das Rennen, Fanny, die Jugend — und ich bin alt." Sie preßte den schwachen alten Arm an sich. ,,Mein Lieber," sagte sie, „mein Lieber." So durchbrach sie zum zweiten Male ihren Vorsatz. Einzeln oder zu zweien strömten zum Freitagsgottesdienst diese ruhigen, wohlhabenden Leute, die nicht ungütig waren, aber gedankenlos in ihrem Wohlstand dahinlebten. „Er ist mehr wert als zehn von denen da," dachte Fanny erbittert, als sie sich auf ihren Stuhl niederließ, der übermorgen schon nicht mehr ihr gehören sollte. „Der liebe alte Mann. Reden über die sexuelle Frage und die Jugend macht das Rennen. Wie recht er aber hat — ich will beizeiten meinen Anlauf nehmen." Der Chor hatte eben die erste Hymne begonnen, als ein Fremder durch den Seitengang kam. Eine leichte Bewegung durchlief die Versammlung. Hierher kamen nur selten Gäste. Er war brünett und sehr schlank, von der Schlankheit des Stahldrahtes. Ein wenig zögernd ging er durch den Seitengang. Ein Reisender, vermutete Fanny, der, wie das mitunter vorkam, für den verstorbenen Vater oder die Mutter Kaddisch sagen wollte. Dann änderte sie ihre Meinung. Ihr aufmerksames Auge beobachtete seinen Gang, er war so sonderbar, fast ein Springen, Nur einer, der nicht an Pflaster gewöhnt ist, konnte so gehen. Die Indianer mußten denselben leichten muskulösen Schritt gehabt haben. Er suchte sich einen leeren Stuhl ungefähr in der halben Höhe des Ganges aus und stolperte ziemlich ungeschickt hinein. Fanny fand ihn ungewöhnlich häßlich, selbst für einen Mann. In diesem Augenblick sah er auf, nickte und lächelte Lee Kohn zu, der auf der anderen Seite des Ganges saß. Seine Zähne waren sehr weiß und das Lächeln ungewöhnlich weich und anziehend. Fanny änderte ihre Meinung wieder. „Doch nicht so häßlich eigentlich. Anders als die andern jedenfalls" und dann „aber natürlich, der kleine Clarence Heyl, der aus dem Westen zurückgekommen war. Clarence Heyl, der feige kleine Hund." Ihre Gedanken wanderten zurück, zu dem Tage des Straßenkampfes, seit dem so viele Jahre vergangen waren. Sie lächelte. In diesem Augenblick wendete sich Clarence Heyl um, der in durchaus ungebührlicher Weise auf