Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 381 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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FANNY 381 nur ein. Komm, Fanny," er nahm eine große, dicke Uhr aus der Tasche, „es ist Zeit zu gehen." Frau Thalmann legte die Hand auf Fannys Arm, als wolle sie sie zurückhalten. „Du wirst oft hier nach Winnebago zurückkommen?" — „Ich fürchte — nein. Einmal im Jahr vielleicht, um meine Gräber zu besuchen." Die kranken Augen ruhten auf dem frischen jungen Gesicht. „Deine Mutter, Fanny, die haben wir nicht ganz verstanden hier in Winnebago, wir jüdischen Damen. Sie war anders." Fannys Gesicht wurde hart. Sie erhob sich. „Ja, sie war anders." „Jetzt fällt sie mir oft ein, wenn ich hier allein bin, in meinen vier Wänden. Wir waren aber dumm, wir Frauen. Aber wie dumm. Sie w7ar zu tüchtig für uns, deine Mutter, zu tüchtig." Und das sagte sie deutsch: „Und eine sehr brave Frau." Da preßte Fanny, die beschlossen hatte, jede Bewegung und jedes Gefühl in sich zu ersticken, ihre glühende Wange jäh an die welke und nun war es die schwache, alte Hand, die die junge streichelte. So lag Fanny Brandeis einen Augenblick lang ganz still, dann erhob sie sich schnell, glättete ihr Haar, lächelte. „Auf Wiedersehen", sagte sie in ihrem besten Deutsch, „und gute Besserung." Aber die Frau des Rabbi schüttelte nur matt den Kopf. „Leb wohl." Vom Vorzimmer unten rief Dr. Thalmann: „Komm, mein Kind, komm." Sie hatten nur einen ganz kurzen Weg bis zum Tempel, aber da es spät wyar und sie sich beeilen mußten, wurde nur wenig gesprochen. Fannys Arm umfaßte freundschaftlich den des Rabbi. Er war erschreckend dünn, dieser Arm. Und wie sie weiter eilten, spürte sie die zittrige Schwäche seines Ganges. Nur mit Mühe unterdrückte Fanny den Wunsch, ihn zu stützen, wenn ihnen irgend eine Unebenheit oder eine Stufe in den Weg kam — ihr Feingefühl hielt sie davon ab. Aber der rege Geist in dem alten Körper neben ihr erriet ihre Gedanken. „Wird schon ein bißchen schwach, der alte Rabbi, hm?" „Keine Spur, ich hab' nur mit Mühe mit Ihnen Schritt gehalten, so schnell laufen Sie." „Ich weiß, ich weiß! Es sind nicht alle so freundlich, Fanny! Sie ist zu fortschrittlich, meine Gemeinde. Und eines Tages heißt es — herunter mit seinem Kopf. Und an meine Stelle wird ein junger Mann kommen, der Kneifer anstatt Brillen tragen wird. Sie sind es müde, von