Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 379 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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FANNY 379 ist es nicht äußerlich erkennbar, aber es ist vorhanden. Sie wissen, Fanny, daß es heißt, ,niemand könne Künstler werden, bevor er gelitten hat'. Ihr habt gelitten, ihr Juden, Jahrhunderte und Jahrhunderte lang, bis ihr alle Künstler geworden seid. Fähig, das Drama des Lebens zu erfassen, weil ihr es gelebt habt; beweglich, überempfindlich, einmal sich krümmend, einmal sich streckend, hochgespannt, offenherzig, liebevoll, großmütig. Vielleicht haben Sie recht, vielleicht seid Ihr keine Rasse. Dann verstehe ich allerdings nicht, was Ihnen vor Jahren die Fähigkeit gab, während der Zehnuhrmesse solch eine Karikatur von mir zu zeichnen. Sie haben damals etwas aufgedeckt, was ich durch zwanzig Jahre zu verbergen bemüht war — bis ich alle anderen getäuscht hatte und mich selbst dazu. Meine Kirche ist immer voll. Kein anderer hat es je wahrgenommen. Ich sage Ihnen, was ich immer sagte, Fanny: die Iren wären das größte Volk der Welt — wenn — ja, wenn es keine Juden gäbe!" Sie lachten beide darüber und die Spannung löste sich. „Jedenfalls", sagte Fanny und streichelte seinen mächtigen Arm, „spreche ich mit Ihnen am liebsten von allen Männern auf der Welt." „Ich hoffe, daß Sie das heute in einem Jahr nicht mehr sagen können, mein liebes Mädchen." Und so schieden sie. Er brachte sie selbst an die Tür und schaute ihr nach, als ihre schlanke Gestalt sich über die Straße hinunter zurWaldschlucht entfernte; und ihr Gang erinnerte ihn an den ihrer Mutter, gerade die Schultern, ruhig die Hüften und das Haupt erhoben. Lange noch blickte er nachdenklich und verträumt in den Sonnenuntergang. Als er dann in das Haus zurückkehrte, traf er den unerbittlichen Casey im Vorzimmer. „Ich möchte jetzt Ihre Predigt auf der Maschine abschreiben, wenn Sie fertig sind." „Ich bin nicht fertig, Casey, und Sie wissen es ganz genau. O Casey, Casey. Sie sind vielleicht ein besserer Priester, aber ein ärmerer Mann." Fanny sollte am folgenden Sonntag Winnebago verlassen. Freitag abends besuchte sie den Tempel. Der Abendgottesdienst begann um sieben Uhr. Um halb sieben hatte Fanny ihr frühes Abendbrot schon beendet, denn sie wollte zu Dr. Thalmann und mit ihm in den Tempel gehen, wenn er noch nicht fortgegangen war. „Nein, der Herr Rabbi ist sicher noch hier," antwortete das Mädchen auf Fannys Frage. Thalmanns hatten ein deutsches Mädchen, das die kranke Frau Thalmann tyrannisierte und das für seine Küchlein,