Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 373 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912891-2912897-2923845--08019-2923987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
FANNY 373 Mädchen und die Tochter ihrer Mutter. Sie werden schon vorwärtskommen. Wo wollen Sie denn hin?" „Ich weiß noch nicht. Ich warte auf die richtige Chance. Hier ist alles in tadelloser Ordnung. Ich brauche mich also nicht zu beeilen." Er stellte die Koffer wieder hin und seine Augen wurden zugleich scharf und gütig. Er hob seinen breiten Zeigefinger. „Hören Sie, mein Kind. Ich bin, wie man sagt, ein altmodischer Mann. Man braucht heutzutage die hundertpferdigen achtzylindrigen Menschen und unsereins kann sich knapp halten. Aber ich habe etwas, was Sie noch nicht haben. Ich hab' niemals etwas über die Psychologie des Geschäftes gelesen, aber ich kenn' die Natur der Menschen von der Elmstreet in Winnebago bis zur Fifth Avenue in New York." Gewiß," sagte Fanny höflich und machte einen Schritt nach vorwärts, als wolle sie das Gespräch beenden. „Warten Sie noch einen Augenblick. Man sagt, jeder lernt, indem er Fehler macht; wenn das wahr ist, dann stehe ich ganz an der Spitze, denn ich habe alle gemacht. Merken Sie sich eins, gleich von Anfang an spezialisieren! Spezialisieren, auf eines festlegen und darin ein Fachmann werden. Aber erst muß man wissen, daß es das richtige ist." „Aber wie kann man das sicher wissen?" „Denken Sie zehn Jahre weiter! Wenn es aus der Entfernung gut ausschaut, besser noch als in der Nähe, dann ist's das richtige. Ich glaube, das nennt man wohl Phantasie haben. Ich hatte nie welche. Darum liege ich noch immer mit Mustern auf der Reise. Wenn ich Sie so anschau, glaube ich, Sie haben zuviel davon. Vielleicht irre ich mich. Aber ich habe noch nie eine Frau mit einem Mund wie Ihren gesehen, die fürs Geschäft gemacht war. Außer Ihrer Mutter — und die hatte andere Augen. Aber was hab' ich eben gesagt?" „Spezialisieren." „Ach ja, und das erinnert mich an etwas. Da haben gestern abends im Raucherwagen ein paar Leute über Haynes Cooper gesprochen. Ihre Mutter haßte Haynes Cooper wie Gift. Wie eben jeder Kleinstadtkaufmann die großen Versandhäuser haßt. Aber ich höre, daß sie eine Kinderwarenabteilung haben, die eben in die Binsen geht, weil sie keinen anständigen Leiter finden. Sie sind ja noch ein Kind und die Leute haben Ihnen Schaden gemacht durch all die Jahre, aber wenn Sie da hineinschlüpfen könnten, lieber Gott, das ist gar nicht auszudenken, wie weit Sie da kommen könnten. Unbegrenzt mit Ihrem Verstand und Ihrer Erfahrung!" Das war der Anfang gewesen. Von da ab hatten sich die Dinge ge-