Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 370 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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370 MENORAH zweier Punkte. Jetzt merkte sie sich ihre beiden Punkte im Geiste an — und schritt dann vom ersten direkt auf den zweiten zu. Es lief das Gerücht um, der Brandeis-Bazar sei zu verkaufen. Im Frühling bot Gerretson Fanny die Stellung der Einkäuferin und Leiterin der Porzellan-, Glas- und Küchemwarenabteilung an. Gerretson prunkte mit einer imponierender Front glänzender Spiegelglasscheiben und belieferte ein Dutzend kleiner wohlhabender Städtchen in Foxrivertal ... Fanny lehnte den Antrag ab. Im März aber verkaufte sie den Brandeis-Bazar, wie er lag und stand. Der Käufer war ein wohlhabender, weitblickender Reisender, der sich niederlassen wollte, da er des Wanderns müde war. Fanny verkaufte auch alles, was zum Haushalt gehörte, diese altvertrauten Dinge aus Holz und Stoff, die einen Teil ihres Lebens ausgemacht hatten. Sie war unter ihnen groß geworden, sie kannte die Geschichte jedes Fältchens, jedes Kratzers, jedes abgenutzten Fleckchens. Ihre Mutter wurde in allem wieder lebendig. Das alte Sofa fuhr in einem Bauernwagen fort. Fanny wandte sich ab, als man es über die Treppe hinunterzerrte und auf den primitiven Wagen lud. Es kam ihr wie ein zweites Begräbnis vor und sie war wütend, daß sie wieder weinte — dafür schwor sie sich Strafe zu. Oben in ihrem Schlafzimmer zog sie die unterste Lade aus ihrem Schreibtisch. Ganz hinten in einer Ecke lag unter einem geordneten Stoße von Kleidern ein fest zusammengerolltes Stoflbündel. Fanny grilT entschlossen nach ihm, nahm es heraus und hielt es für einen Augenblick in der Hand. Dann entrollte sie das Bündel langsam — es war eine zerdrückte und fleckige, riesengroße Ginganschürze, eine Schürze von der Art, wie Frauen sie zu einem ganz besonderen Haushaltritual anlegen — zum Backen, Einmachen oder Großreinemachen. Die Schürze wurde mit zwei gekreuzten Bändern über den Schultern geschlossen und bedeckte auch seitlich die Hüften. An manchen Stellen war sie mit braunen und rötlichen Flecken bespritzt, Fruchtsaft; es war Molly Brandeis' Einmachschürze gewesen. Fanny hatte sie nach dieser DezemberwToche an einem Haken hinter der Küchentür hängen gesehen und dieser Anblick ließ all ihre Stärke und erzwungene Ruhe zusammenbrechen. Sie hatte ihre Arme um dieses schlaffe, stumme und doch sprechende Ding an dem Haken geschlungen und so wild und hemmungslos geweint, daß sie selbst erschrak. Nichts, wras mit ihrer Mutter Tod im Zusammenhang stand, besaß solche Macht, schmerzhafte Erinnerungen wachzurufen, wie dieses vertraute, innig bekannte Kleidungsstück. Sie sah wieder die dampfende Küche vor sich, die von dem prachtvollen Duft siedenden Obstes oder jener verführerischen