Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 369 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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FANNY 369 nahm ein sorgfältiges, bis ins einzelne gehendes Inventar des Brandeisßazars auf und dann ein genau so sorgfältiges und bis ins einzelne gehendes Inventar von Fanny Brandeis. Es war etwas Grausames und Unbarmherziges in der Art, in der sie diese Selbstanalyse vornahm. Sie wanderte in jenem Winter sehr oft durch die Schneewehen zu dem kleinen Friedhof und während sie dahinschritt, arbeitete ihr Geist unaufhörlich. Auf diesen Spaziergängen führte sie lange Gespräche mit sich selbst und einmal bemerkte sie zu ihrem Schrecken, daß sie dabei laut sprach. Ob sie dies früher je schon getan hätte? Und ein Plan reifte in ihrem Hirn, während sie mit sich selbst kämpfte: „Du wirst es niemals tun, Fanny, du bist nicht danach gebaut." — ,,So, meinst du? Beobachte mich, lasse mir Zeit." — „Du wirst immer daran denken, was wohl deine Mutter unter den gleichen Umständen getan hätte und das wirst auch du dann tun." — ,,Nein, das werde ich nicht, außer es ist das Vernünftige. Ich habe genug davon, sentimental und selbstlos zu sein. Was hatte sie davon? Nichts." Die Wochen vergingen. Fanny arbeitete schwer im Laden, kaufte aber nur sehr wenig ein. Der Februar kam und im Frühling trugen die Monate verbissenen Denkens ihre Früchte: Ein großer Entschluß erwachte in Fanny Brandeis — sie wollte Großes erreichen. Jedes Talent, das sie besaß, jedes bißchen Wissen, jedes Stückchen Erfahrung sollte diesem Zw7ecke dienen. Sie mußte etwas aus sich machen. Es war ein eigennütziger, selbstsüchtiger Entschluß, aus bitterem Kummer, Ehrgeiz und Groll geboren — sie hatte sich geschworen, sich durch nichts hemmen zu lassen. Rasse, Religion, Erziehung, natürliche Anlage — alles mußte fallen, wenn es ihr im Wege stand. Sie wollte Winnebago weit hinter sich lassen. Wenn sie hier blieb, konnte sie niemals mehr erreichen, als aus ihrem Geschäft bestenfalls einen ungewöhnlich gutgehenden Kleinstadtladen zu machen und sie selbst würde ein Niemand sein. Nein, davon hatte sie genugI Das kleine Mädchen, das damals am Versöhnungstag gefastet hatte, das junge Mädchen, das den Aufsatz über das Lumpenzimmer in der Papiermühle geschrieben hatte; das junge Weib, das im Laden in der Elmstreet geschuftet hatte — sie wollte sie aus sich verbannen, sie vernichten. An ihre Stelle sollte ein harter, scharfblickender, entschlossener Mensch treten, dessen Gottheit der Erfolg war — und für den Erfolg nichts anderes als Geld und Stellung bedeutete. Sie hatte nie Verständnis für Mathematik gehabt, aber von den schwierigen Geometrieproblemen und Schlüsselrechnungen war in ihrer Erinnerung eine unabänderliche Wahrheit bestehen geblieben: die Gerade ist die kürzeste Verbindung