Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 365 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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FANNY 365 es wohl in Büchern) — sie hatte geweint, Tag und Nacht, sich hoffnungslos mit Reue gequält: wenn sie nicht Schlittschuhlaufen gegangen wäre, hätte sie vielleicht gesehen, wie krank ihre Mutter war. Warum hatte sie nicht darauf bestanden, daß der Arzt käme, als ihre Mutler das Essen zurückwies? Blind und selbstsüchtig nannte sie sich. Ja, blind und selbstsüchtig! Sie war froh, daß der schwarze Schleier ihr verschwollenes und entstelltes Gesicht verhüllte. Winnebago empörte sich übrigens darüber, daß sie sonst keine Trauer trug. Frau Brandeis halte es nicht gerne gehabt, wenn Fanny sich schwarz kleidete -— sie hätte nicht genug Farbe, pflegte sie zu sagen. Darum trug Fanny nun ihr blaues Winterkostüm und den Hut mit der kecken blauen Feder. Und die Stimme des kleinen Rabbi tönte weiter und weiter und Fanny wußte, daß dies alles nicht wahr sein könne. Was sollte dieses Gerede von Staub und Asche mit einem so lebendigen energischen Menschen wie Molly Brandeis zu tun haben? Während des Gottesdienstes hörte man plötzlich einen Schrei, Bewegung, unterdrücktes Seufzen. Es war Aloisiiis, der fröhliche treue Aloisiiis, dessen weiches irisches Herz völlig gebrochen war. Fanny biß die Zähne zusammen, um sich bis zum Schluß zu beherrschen. Und dann war es zu Ende und man ging vorbei an den ehrfürchtig schweigenden Leuten im Hofe, die Hauptstraße entlang zum jüdischen Friedhof. Dort lag der Schnee der Weihnachtswoche noch ganz unberührt, außer an einer Stelle, wo der Totengräber mit seinen Leuten gearbeitet hatte ... Zurück dann in rascher Fahrt durch die frühe Dämmerung des Winternachmittags — die Räder der Wagen knirschten im harten trockenen Schnee — und Fanny (ihr Kopf war nicht ganz klar vor Hunger und Weinen) sagte sich: „Jetzt werd' ich ja sehen, ob es wahr ist oder nicht, jetzt, sobald ich ins Haus trete. Wenn sie da ist, wird sie fragen: ,Nun, Fannychen, hungrig? Ach, mein kleines Mädchen hat kalte Hände, komm zum Ofen und wärm' sie dir.' O Gott, mach', daß sie da ist, mach', daß sie da ist." Aber sie war nicht da. Das Haus war von flinken fremden Händen in Ordnung gebracht worden. Es herrschte Geräusch und Bewegung im Eßzimmer und aus der Küche drangen köstliche Bratendüfte. Fanny ging auf einen Stuhl zu, der von der Stelle gerückt worden war und schob ihn zur Wand, wo sein Platz war. Sie strich eine Decke glatt und trug dann den Papierkorb vom Schreibtisch zum Wohnzimmertisch, wo er immer die abgenützte, schäbige Teppichstelle verdeckt hatte. Dann ging sie an dem Zimmer vorbei, das nun wieder ein behagliches altmodisches Schlafzimmer, nicht mehr ein geheimnisvoller, schaudervoller Ort war. Sie wusch sich das Gesicht,