Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 366 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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366 MENORAH ordnete ihr Haar, kam wieder die Treppe herunter und aß und trank heiße belebende Dinge. Das Haus war voll freundlicher Frauen. Fanny klammerte sich an sie, klammerte sich verzweifelt an diese einfachen, vollbusigen, beruhigenden Menschen, die sie vorher kaum gekannt hatte. Sie waren immer zugegen, diese Frauen mit ihren Männern, freundlichen, ungeschickten Bauern, die ihr auf die Schultern klopften und von Molly Brandeis mit der ehrlichen Bewunderung sprachen, die ein Mann sonst nur dem Manne zollt. Durch die Hintertür kamen immer neue Leute, mit serviettenbedeckten Schüsseln, Tellern und Körben. Es ist etwas Wunderschönes an diesem heimatlichen Kleinstadtmitleid, das um den Wert der körperlichen Labung in Zeiten seelischen Kummers weiß. Zwei Tage nach dem Begräbnis ging Fanny Brandeis wieder in den Laden, ganz wie ihre Mutter vor vielen Jahren nach ihres Gatten Tod. Sie überschaute die reinen, wohlgefüllten Fächer und Tische mit einem neuen und beobachtenden Blick. Der Weihnachtsverkauf war vorüber und Jänner die Zeit der Inventur und der Neuanschaffungen. Frau Brandeis war immer in der zweiten Jännerwoche nach Chikago gefahren. In Fanny Brandeis' Hirn reifte aber ein Entschluß — so schnell, daß er ihr den Atem nahm. Ihr Geist arbeitete seltsam klar und scharf nach dem verheerenden Sturm des Kummers der letzten Wochen. „Was werden Sie jetzt anfangen?" hatten sie die Leuie gefragt. „Kommt Theodor zurück?" ,,Ich weiß es noch nicht," als Antwort auf die erste Frage und dann: „Nein, warum denn? Er hat doch seine Arbeit.4' „Aber er könnte Ihnen so viel helfen!" „Ich werde mir selber helfen," sagte Fanny Brandeis mit einem Lächeln, in dem sich mehr Bitterkeit und weniger Freude ausdrückte, als in einem Lächeln liegen dürfte. Frau Brandeis, die umsichtige Geschäftsfrau, hatte ein Testament hinterlassen. Es war ein knappes, übersichtliches Dokument, das ,.meiner Tochter Fanny Brandeis" eine Versicherung über 6000 Dollar, den Brandeisladen, wie er lag und stand, die Möbel und die wenigen altmodisch gefaßten Schmuckstücke bestimmte. Theodor erhielt die Summe von 1500 Dollar. Er hatte sein Teil in der musikalischen Ausbildung erhalten. Fanny Brandeis ging in diesem Jänner nicht nach Chikago. Sie