Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Chassidische Legende
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 361 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912891-2912897-2923844--08006-2923975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
GHASSIDISGHE LEGENDE 361 einmal etwas Außergewöhnliches, Übernatürliches? Zeige du uns, daß du fliegen kannst, und wir werden dir zeigen, wie wrir tanzen." Der Musikant, denn das war natürlich der Ghasside, sprang sofort auf und versuchte zu fliegen. Er spannte die Arme wie Flügel aus und begann damit zu flattern, er schnellte sich wie ein Fisch in die Höhe und sprang mit einem langen Anlauf in die Weite, aber in seinem Herzen war keine Freude mehr, sondern Verlangen, und deshalb kehrten seinen Füße immer wieder auf die Erde zurück. Schließlich ermattete er von neuem, alles drehte sich ihm vor den Augen, und er sank vollkommen erschöpft zu Boden; nicht lange, und er war eingeschlafen. Da begann er zu träumen, und er träumte, träumte einen Traum ... Es war ihm zuerst, als säße er auf der Erde und schaute zum nächtlichen Himmel hinauf, der Himmel war samtblau wie in einer klaren Winternacht und voller Sterne, aber die Sterne standen nicht still, wie sie das menschliche Auge sonst wahrnimmt, sondern sie bewegten sich in sausenden, leuchtenden Kreisen. „Natürlich . . ." sagte sich der Musikant im Traum, ,,warum sollen gerade sie nicht tanzen? Hätte ich bisher nicht so kurz gelebt, nur eine winzige Sekunde vor dem Ewigen, so hätte ich schon von jeher gesehen, wie sie tanzen. Alles tanzt doch zu Ehren Gottes, selbst die Bäume tanzen ja, warum also sollen gerade die Sterne am Himmel eine Ausnahme machen?! Und wie er sich das so sagt, schaut er sich nach den Bäumen um, und richtig, er liegt gar nicht mehr auf der Wiese, sondern mitten im Walde, und der Wald tanzt um ihn her, die Birken, die Tannen, die Buchen, die Ahorne und die Ebereschen, sie alle haben sich mit ihren Wurzeln und mitsamt dem Erdballen erhoben und zu tanzen begonnen, das heißt, sie bewegen sich auf den flachen, runden Wurzelscheiben wie auf schaukelnden Tellern vorwärts. So tanzen die Bäume, ohne sich mit den Tellern oder mit den kreisenden Wipfeln zu stoßen, und ein Rauschen wogt durch die Lüfte wie ein gewaltiger Sang zu Ehren Gottes. Der Musikant hat die Flöte an den Mund genommen und bläst und tanzt, und er wreiß nicht, berühren seine Füße noch den Boden, oder schwebt er schon, fliegt er schon selig Zwischen dem tanzenden Wald. Nach einer Weile erreichen sie zusammen, die Bäume und der Mensch, den Fluß, das andere Ufer aber liegt weit, und das Wasser strömt tief dazwischen und vor Angst hört der Mensch nicht auf zu fliegen, zu tanzen und die Flöte zu spielen, weil er nicht weiß, wie er mit dem Wald hinübergelangen kann. „Vielleicht ist die Reise hier auch zu Ende", denkt er sich, „und die Bäume wollen sich ausruhn?" Er dreht sich nach ihnen um, und wirklich, sie haben die