Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Chassidische Legende
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 362 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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362 MENORAH Teller mit den Wurzeln schon in die Erde gebettet und stehen da, mit gesenkten Häuptern und hängenden Armen schlafend. Da lockt es ihn, zum Fluß hinabzusteigen und sich die feuchten Augen zu wischen, er taucht die Hand ins Wasser und — gelobt sei der Ewige! — erwacht. Voll Verwunderung schaut er sich um und bemerkt, daß der Morgen zwischen den Bäumen dämmert. Der Tau hat ihn erweckt, und er ist doch, wie er sich nach und nach entsinnt, um die Zeit des Nachmittagsgebets in den Wald eingetreten. Auch die Bäume scheinen ihm ganz anders auszusehen, sie sind dick geworden und haben alle grüne und graue Bärte und Mäntel aus Moos, er kennt sich nicht mehr aus, weiß aber, daß er von Osten gekommen ist und kehrt langsam und nachdenklich dorthin zurück. Er geht und geht . . . nach einer Weile ist der Wald zu Ende, aber er muß doch falsch gegangen sein, denn er kennt die Gegend nicht; er wandert aber doch weiter und kommt an eine Stelle, wo die Erde lauter kreisrunde, flache, schon übergraste Löcher aufweist, als wären hier vor Zeiten einmal Bäume gerodet worden. Er geht zwischen den Löchern weiter und trifft bald einen Juden, der ein paar Stuten auf der Weide hält und, wie ihm scheint, sonderbar gekleidet ist, aber er tut, als wäre alles in Ordnung, will auch den anderen nicht gleich merken lassen, daß er sich verirrt hat, und spricht deshalb erst etwas Nebensächliches ■— er fragt ihn nach den Löchern rings um sie her. Da beginnt ihm der Roßhändler eine seltsame Geschichte, eine Sage zu erzählen. „Vor hundert Jahren", erzählt er ihm, ,,stand hier ein Wald, und dieser Wald hat auf das Spiel eines frommen, gottesfürchtigen Flötenbläsers, eines noch wahrhaft gläubigen Mannes, angefangen, vor Freude und zu Ehren Gottes mit ihm zu tanzen, und sie haben so weit zusammen getanzt, bis der Wald dort am Fluß stehen blieb, wo er noch heute steht. Dort wurde auch dem Frommen Halt geboten, er sank rücklings in die Arme des Ewigen, der ihn zu sich von der Erde aufhob wie Elias, den Propheten; man hat keine Spur mehr von ihm gefunden!" Da merkte der Musikant, daß sich ein Wunder mit ihm begeben hatte, und daß er deshalb nicht imstande sein würde, auch nur eine Sekunde länger zu leben. Er spürte nur noch die überströmende Freude Gottes, versuchte noch das „Höre Israel" zu sprechen, aber die Lippen wandelten sich ihm schon zu Staub, und er sank schon mit dem Leib als Staub in die Erde. Auch der Staub zerstreute sich zwischen den Grashalmen, und so geschah es, wie der Roßhändler gesagt hatte: sein Leib verschwand spurlos, und die Seele trugen Gottes Arme hinauf in die Herrlichkeit. Karl Lieblich.