Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Mosaiksteine zur Kultur- und Sanitätsgeschichte der posenschen (großpolnischen) Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 354 (sequence 20)
- Language
- German
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354 MENORAH Vorgänger, der Minister v. V o ß, wieder an seine Stelle trat, da schlug auch der Wind wieder um, und mit der Ernennung von jüdischen Kreisärzten hatte es — ganz im Sinne des neuen Königs Friedrich Willielm III. — ein Ende. Ja, es sollte der Beförderung von Juden zu dem Amt eines Kreisarztes überhaupt ein Riegel vorgeschoben werden! Es hatte sich nämlich ein junger Arzt, Dr. Loeben, der in dem jenseits der Weichsel gelegenen Plocker Bezirk mit seinem Gesuch um ein Kreisphysikat abgewiesen worden war, direkt an den neuen König gewandt. Darauf hatte dieser von den beiden Ministern der polnischen Provinzen Bericht eingefordert. In dem gemeinsamen Bericht77) nahm aber einer der beiden Minister, der Freiherr v. S c h r ö 11 e r, der später für die Emanzipation der preußischen Juden so wichtig wTerden sollte70), Veranlassung, den König auf das Bedenkliche der Beförderung von Juden zu dem Amt eines Kreisphysikus hinzuweisen. Der Kreisphysikus bekleide ein öffentliches Amt, wozu Juden in der Regel nicht zugelassen werden, und es würde unter den größtenteils katholischen Polen einen üblen Eindruck machen, wenn beispielsweise bei Epidemien ihnen ein Jude als Beamter und Vertreter der Landesgewalt entgegenträte. Der König machte sich diese Bedenken zu eigen und sprach sich in einem Erlaß an die beiden Minister gegen die Zulassung von „Aerzten jüdischer Nazion" zu dem Amt eines Kreisphysikus aus70). Dieser königliche Erlaß zog noch weitere Kreise, denn mit Berufung auf ihn wurde zwei Jahre später einem Posener Juden die Konzession zur Errichtung eines „Commissions-Comptoirs" vorenthalten80). Zweifelhaft aber bleibt es immerhin, ob der Erlaß in seiner ganzen Strenge auch auf den Fall, der ihn veranlaßte, angewandt wurde, denn der damalige Bittsteller wurde nachher wirklich Kreisphysikus in M 1 a w a und hat dort und in P 1 o n s k ärztliche Praxis ausgeübt81). Es ist aber sehr leicht möglich, daß sein Wunsch nach Amt und Versorgung seine Treue gegen die angestammte Gemeinschaft vernichtet, und daß die Engherzigkeit preußischer Regierungsmaximen ihn ebenso zur Strecke gebracht hat wie jenen jungen Königsberger Arzt und Gelehrten Dr. Ludwig W. Sachs, der gleich nach den Befreiungskriegen mit der Bewerbung um ein gleiches Amt in Ostpreußen als Jude nicht durchdringen konnte und sich kurz danach durch die Taufe den Weg zur akademischen Laufbahn und zu reichen Ehren eröffnete82).