Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Mosaiksteine zur Kultur- und Sanitätsgeschichte der posenschen (großpolnischen) Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 346 (sequence 12)
- Language
- German
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346 MEN ORAH daß sie wie der Troß der medizinisch unvollkommen Vorgebildeten ihre Dienste ,,mit Würsten, getrocknetem Obst und anderen Naturalien honorieren lassen"51). Die jüdischen Heilkundigen, die sich den Bedürfnissen und Wünschen des einfachen Polen geschickt anzupassen verstanden, kamen auch seinen althergebrachten Anschauungen entgegen und scheinen ihm mit volkstümlichen Mitteln — Aderlässen und Purgatorien52) — imponiert zu haben. Die große Menge setzte denn auch auf sie ihr hauptsächliches Vertrauen und zog selbst bei Kinderkrankheiten, Blattern und Masern, den ordentlichen Arzt erst dann zu Rate, wenn die jüdischen Chirurgen nicht weiter helfen konnten. Natürlich waren davon die zünftigen Ärzte nicht sonderlich erbaut. Der junge Doktor Sobernheim, der eine Zeitlang das Posener Stadtphysikat verwaltete, glaubte denn auch gerade die jüdischen Chirurgen durch besonders gegen sie gemünzte Strafandrohung von dem Gebiet der inneren Medizin energisch abdrängen zu müssen53). Wie die Dinge nun einmal lagen, war es aber doch wohl kein Wunder, daß die Leute, die, geschäftigen Eifers voll — wie ein Zeitgenosse sagt — ,,auch im medizinisch-chirurgischen Fache das Faktotum machten"54), öfters ihre Stellung mißbrauchten und, wenn man den gewiß nicht immer unvoreingenommenen Urteilen zeitgenössischer Beobachter glauben darf55), die Leichtgläubigkeit der ungebildeten Landbevölkerung aussetzten. Mögen auch gar manche von ihnen als Kurpfuscher aufgetreten sein, bewußt oder unbewußt die Grenze ihres Könnens überschritten haben56), mag wirklich im einzelnen Fall die Güte ihrer Instrumente ebenso versagt haben wie ihre medizinische Einsicht57), so scheint trotzdem festzustehen, daß ,,fast die Mehrzahl der polnischen Wundärzte jüdischer Nation war"58). Und dort, wo den Juden durch besondere Privilegien der Zutritt versagt war, wie zum Beispiel in gewissen Städten des Czenstochauer Bezirkes, im sogenannten Neuschlesien, soll es überhaupt an jeder medizinischen Hilfe gefehlt haben59). In hartem Konkurrenzkampf gegen die christlichen Chirurgen00) und in scharfem Wettbewerb untereinander — das Krotoschiner Judenprivileg von 1728 enthielt die charakteristische Bestimmung, daß zwei jüdische Chirurgen nicht einander gegenüber wohnen sollten61) — hatten sich die jüdischen Chirurgen ihre Position geschaffen. Im Bernfsgefüge des polnischen Staates waren sie, ungeachtet der Mängel ihrer Tätigkeit, offenbar nicht zu entbehren.