Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Mosaiksteine zur Kultur- und Sanitätsgeschichte der posenschen (großpolnischen) Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 345 (sequence 11)
- Language
- German
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MOSAIKSTEINE 345 auch auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege — ganz unvermeidlich. VIII. Wie hätte auch eine solche Trennung streng durchgeführt werden können, da der Pole den jüdischen Händler und Faktor, den Hausierer und Handwerker — und auch die jüdischen Hebammen, Feldscherer und Ärzte gar nicht entbehren konnte 1 Die Scheidung zwischen Barbieren und Chirurgen war in jener Zeit noch durchaus nicht scharf — sie waren auch in denselben Innungen vereinigt. Ja, noch im Jahre 1796 setzte es die christliche Barbier- und Ghirurgeninnung in Posen bei der preußischen Behörde mit Berufung auf ihr altes Privileg durch, daß außer den Gesellen der Chirurgen niemand die Konzession zum Rasieren erhielt47). Auch der Unterschied zwischen den Chirurgen, den Wundärzten und Feldscherern und zwischen den studierten Ärzten war in der Praxis oft nicht durchgeführt, da die Wundärzte gern auf das ihnen nicht zustehende Gebiet der innern Medizin hinübergriffen. So reichte vom Bader zum wirklichen Doctor medicinae eine Kette nur dem Grad nach verschiedener medizinischer Hilfe. Im ganzen Umfang dieser Abstufungen finden wir zahlreiche Juden. Es dominieren allerdings durchaus die nicht akademisch gebildeten Wundärzte, die Feldscherer. Sie übten ihre Tätigkeit unter Juden und unter Christen, in den Städten und auf den Dörfern und Gütern aus, wurden sogar von den Gutsherren und selbst den Geistlichen zu Rat gezogen48) und waren besonders bei den Bauern sehr beliebt. Denn wie die Menge der jüdischen Schneider, die in den großpolnischen Städten in so reicher Zahl beheimatet waren, nur dadurch ihr Fortkommen finden konnten, daß sie auf dem Lande herumzogen und dort im Hause des Landmanns selbst ihre Arbeit verrichteten, so zogen auch jüdische Feldscherer auf die ländlichen Siedlungen, übten dort ihre Kuren aus und verkauften dort ihre Medizinen und Heilmittel49). Und wie der jüdische Schneider auf dem Lande schon deswegen gern gesehen war, weil er sich seine Arbeit gern in Naturalien bezahlen ließ, so waren auch die jüdischen Feldscherer dem polnischen Bauer schon darum angenehm, weil auch sie von ihm nicht Bezahlung in Geld forderten — das hatte der nur wenig — sondern statt dessen ländliche Erzeugnisse annahmen50). Sie stellten übrigens damit keine Sondererscheinung in ihrer Zeit dar. Wirft doch im Jahre 1804 der berühmte Hallenser Mediziner Reil den preußischen Landärzten vor,