Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Mosaiksteine zur Kultur- und Sanitätsgeschichte der posenschen (großpolnischen) Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 343 (sequence 9)
- Language
- German
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MOSAIKSTEINE 343 Haarverfilzung (Pilica Polonica), behandelten, war, wenn man den Schilderungen eines zeitgenössischen geschätzten Schriftstellers und Arztes glauben darf, voll abergläubischer, geradezu abstoßender Manipulationen34). Übrigens sollen die Juden nach der Behauptung desselben, mit Land und Leuten beruflich vertrauten zeitgenössischen Mediziners35) sehr selten den Weichselzopf allein gehabt haben. Fast immer seien damit Krätze, Skorbut oder die Lustseuche verbunden gewesen. Das häufige Vorkommen der Geschlechtskrankheiten unter Juden würde allerdings wenig zu dem traditionellen Bild passen. Immerhin will auch der schon zitierte Professor Mursinna häufig Geschlechtskrankheiten unter den Juden der von ihm besuchten südpreußischen Bezirke angetroflen haben30). Man darf dabei nicht vergessen, daß in Polen Geschlechtskrankheiten zu jener Zeit stark verbreitet, und die Krankenhäuser mit Geschlechtskranken überfüllt waren. Im Warschauer jüdischen Hospital gab es für diese Periode jedenfalls eine eigene Abteilung für Geschlechtskrankheiten37). Wie sehr verbreitet die ekelhafte Krankheit des Weichselzopfes, oder besser gesagt diese Unsitte, ein Erzeugnis von Unsauberkeit und Unwissenheit, unter den polnischen Juden war, mag man daraus entnehmen, daß nach Angabe von Connor, dem englischen Leibarzte Johann Sobieskis, der Weichselzopf auf deutsch auch „Judenzopf genannt wurde38). Im Verlauf des 19. Jahrhunderts nimmt dann, wie durch amtliche 'Statistiken erhärtet wird, der Weichselzopf unter den westpreußischen und posensischen Juden überraschend stark ab; ja, er verschwindet geradezu bei ihnen. Nach den Feststellungen, die Dr. Moebius im Jahre 1900 im „Klinischen Jahrbuch" machte, kamen schon im Jahre 1842 in den Regierungsbezirken Marienwerder, Bromberg und Posen insgesamt nur noch ein Weichselzopf träger auf je 731 Evangelische, 171 Katholische und auf je 264 Juden. Im Jahre 1895 war aber das Verhältnis 1 :1382, 385, 34 1 539). Aus dieser Tatsache erhellt am besten, daß Elend, Aberglaube und Unreinlichkeit nur durch die Verhältnisse bedingt, nur zufällige Attribute waren. Sie wichen in demselben Maße, in dem die jüdische Bevölkerung dieser polnisch-jüdischen Gebietsteile einen wirtschaftlichen Aufschwung nahm und zur politischen Freiheit und besseren Lebensführung gelangte.