Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1929-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1929) · p. Seite 340

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1929)
Article
Mosaiksteine zur Kultur- und Sanitätsgeschichte der posenschen (großpolnischen) Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts
Date
1929-07-01
Page
Seite 340 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2912821-2912891-2912897-2923840--07978-2923954
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

340 MENORAH die Unsauberkeit und der Geruch auf; ja, man sprach sogar, nicht ohne verallgemeinernde Übertreibung, von dem in den polnischen Städten herrschenden „eigentümlichen Judengestank"19). Wie die Wohnungen in den Judenvierteln, so waren die Wirtshäuser, die die Juden an den Landstraßen hatten, oft im allerkläglichsten Zustande, so daß die Reisenden nicht versäumten, ihr eigenes Bettzeug mitzuführen20). Die Not der Wohnverhältnisse mit ihren Begleiterscheinungen beschreibt und beurteilt der weit über seinen Wirkungskreis hinaus bekannte Warschauer Stadtphysikus und spätere Medizinalpräsident August Ferdinand von Wolff — übrigens der Sohn eines getauften Juden, des hochangesehenen Lissaer-Posener Arztes und Mitgliedes der Posener südpreußischen Medizinalbehörde Dr. Abraham Emanuel Wolff!21) — nicht viel anders, als es sein Berufsgenosse Mursinna getan. Darüber hinaus hebt er noch hervor, daß der gewöhnliche polnische Judo außer am Sabbath selten eine ordentliche Mahlzeit zu sich nehme, sondern von Hering, Zwiebeln, von gewöhnlich schlecht ausgebackenem Brot, Branntwein und schlechtem Bier — „die Frauen von einem Getränk, das sie Kaffee nennen" — lebe. Da sie ein körperlich untätiges Leben führen, das heißt — nach dem ganzen Zusammenhang des Aufsatzes — da ihnen im Gegensatz zum Bauern bei ihren Beschäftigungen die gesunde, gleichmäßige, nicht überhastete Bewegung in frischer Luft fehle, leide bei ihnen die Hauttätigkeit, weshalb Krätze und Hautausschläge unter ihnen sehr häufig seien22). Zur Erläuterung dieser Beurteilung darf angemerkt werden, daß die Klage über schlechtes, gesundheitswidriges Brot damals allgemein war23), und daß der Posener Stadtphysikus Dr. LeviSobernheim es unter anderem gerade dem Genuß von Zwiebeln und Spirituosen Getränken zuschrieb, daß die Juden des Ghettos verhältnismäßig wenig von Faulflebern heimgesucht wurden24). Zur Verbreitung des Branntweintrinkens unter den polnischen Juden aber wäre zu sagen, daß man darin ebensosehr eine Erscheinung kultureller und klimatischer Bedingtheit zu sehen hat, wie eine berufliche Anpassung. Waren sie doch die Pächter der adligen Brennereien und Brauereien und der Wirtshäuser. Ähnlich dem trostlosen Bilde, das Mursinna und Wolff zeichneten, ist auch dasjenige, das der anonyme Verfasser des Buches „Pohlen nach seiner bisherigen geographischen, politischen, statistischen, physikalischen und kirchlichen Beschaffenheit" entrollt25). Ihre Nahningsweise war auch nach ihm recht kümmerlich, denn „Hülsen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.