Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Mosaiksteine zur Kultur- und Sanitätsgeschichte der posenschen (großpolnischen) Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 337 (sequence 3)
- Language
- German
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MOSAIKSTEINE 337 der Hauptsache doch nur ein möglichst ausgiebig verwertbares Werkzeug, und von dem kirchlichen Fanatismus hatten sie sich nur zu oft nichts Gutes zu versehen gehabt. Es braucht hier nur an die immer wiederkehrende Blutbeschuldigung erinnert zu werden, die unter anderm auch den Anlaß zum Entstehen drückender Schuldenlast gegeben hatte, und ebenso an die unaufhörlichen Quälereien, mit denen die Schüler der Jesuitenschulen die Posener Juden verfolgten5). Mehr aber noch wurde den Juden von ihren eigentlichen Wirtschaftsgegnern, den städtischen Kaufmannschaften und Zünften, entgegengearbeitet. Dieses städtische Bürgertum suchte durch zähes Festhalten an den altüberkommenen Zuständen seine wirtschaftliche Position gegen den geistig und praktisch überlegenen Juden zu behaupten und achtete deshalb auch aufs peinlichste darauf, daß, wenigstens soweit die Kraft und Gewalt der städtischen Behörden reichten, der Ring des Ghettos nicht gelockert wurde. Gewiß hatten schon die Juden, die mit den deutschen Kolonisten im 13. Jahrhundert nach Posen kamen, ihre eigenen Wohnbezirke, wie denn überhaupt die Ansiedlung in eigenen Wohnbezirken einer allgemein für Klassen und Berufe geltenden mittelalterlichen Rechts- und Wirtschaftsgewohnheit entsprach. Sicherlich kam auch das Zusammen wohnen den Wünschen und in mancher Hinsicht auch den Interessen der Juden selbst entgegen. Auch späterhin blieb es im allgemeinen beim Wohnen im zugewiesenen Stadtteil. Die starke Bevölkerungszunahme der Juden hätte allerdings eine gewisse Auflockerung der Ghettis nötig gemacht. Aber die städtischen Magistrate wollten dem nicht Rechnung tragen und stemmten sich jeder Erweiterung und Überschreitung der Judenviertel hartnäckig entgegen. Noch in der ersten preußischen Zeit — also am Ausgang des 18. Jahrhunderts — hatte die oberste preußische Verwaltungsbehörde in Posen (die Kriegs- und Domänenkammer) mit dem zähen Widerstand des Magistrats zu kämpfen, als sie in der Stadt Posen die „polizeiliche Einkerkerung" der dortigen Juden, wie sie den Ghettozwang nannte, abändern wollte6). Gewöhnlich gelang es nur den Wohlhabenden und Reichen, sich Wohnungen und Kaufmannsgewölbe in Straßen, die ihnen sonst versperrt waren, und an dem geschäftlich so wichtigen Marktplatz zu verschallen. Das aber waren Ausnahmen, und die Lage der großen Menge wurde noch dadurch erschwert, daß eine Reihe von Städten, besonders diejenigen, die der Geistlichkeit gehörten, das Recht zur völligen Fern-