Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Mosaiksteine zur Kultur- und Sanitätsgeschichte der posenschen (großpolnischen) Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 336 (sequence 2)
- Language
- German
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336 MENORAH Erwerbungen der zweiten und dritten polnischen Teilung, in den weiten Gebieten zwischen Warthe, Weichsel, Bug und Njemen einer für ihre Begriffe geradezu unfaßbar großen Anzahl von Juden gegenüber befanden. Denn man bedenke — während vor den Teilungen im preußischen Gesamtstaat erst der hundertfünfundsiebzigste Mensch ein Jude war — in Schlesien sogar erst der hundertachtzigste —, war in Südpreußen, das ist in dem 1793 durch die zweite polnische Teilung zu Preußen gekommenen Gebiet, jeder achtzehnte, ja vielleicht sogar jeder fünfzehnte Mensch ein Jude. Und in Neuostpreußen, der 1795 preußisch gewordenen polnisch-litauischen Provinz, machten die Juden fast den elften Teil der Gesamtbevölkerung aus4). Nur im Warschauer, damals zu Preußen gehörigen, Departement wohnten auffällig viele Juden auf dem platten Lande, in noch größerem Prozentsatz allerdings in dem damals preußischen, sogenannten neuostpreußischen, Departement von Plock und Bialys t o k. Sonst aber saßen sie zum größten Teil in den Städten, und zwar in solcher Dichtigkeit, daß in den südpreußischen Städten fast ein Fünftel, in Neuostpreußen fast ein Drittel der städtischen Bevölkerung von ihnen gebildet wurde. II. Es liegt klar auf der Hand, daß bei der nicht genügend entwickelten wirtschaftlichen Struktur des polnischen Staates die überaus große Menge der Juden für eine auch nur einigermaßen erträgliche Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens und des Ergehens des einzelnen jüdischen Individuums viel zu groß war. Die Konzentrierung in bestimmte Gewerbearten und Handelsbeschäftigungen — zum Beispiel im Schneider-, Schänker- und Mäklergewerbe — erschwerte das Fortkommen der einzelnen, drückte ihre Lebenshaltung auf ein Mindestmaß herab und brachte über die Masse der polnischen Juden ungeheure Armut und all das mit ihr verbundene Elend. Hiedurch allein war schon eine natürliche Vorbedingung für die traurigen Zustände der Hygiene geschaffen, aber sie wurden noch durch kommunalpolitische Maßnahmen verschärft. Das Leben der polnischen Juden war nämlich keineswegs so paradiesisch, wie das Sprichwort es hinstellte, das Polen den Himmel der Edelleute, das Fegefeuer der Bürger und das Paradies der Juden nannte. Dem adeligen Grundbesitzer und Städteinhaber waren sie in