Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Mosaiksteine zur Kultur- und Sanitätsgeschichte der posenschen (großpolnischen) Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1929-07-01
- Page
- 335 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH VII. JAHRGANG JULI/AUGUST 1929 NUMMER 7/8 Mosaiksteine zur Kultur- und Sanitätsgeschichte der posenschen (großpolnischen) Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts Von Jacob Jacobson I. Wirksamkeit und Stellung der Juden in den einzelnen Ländern ihres Aufenthaltes war und ist abhängig von der Gesamtheit dessen, was die besondere Eigenart des jeweiligen Landes ausmacht, und von der Aufgabe, die die Juden in ihm zu erfüllen haben. Dadurch war auch ihre Stellung in Polen bestimmt. Sie waren dort mehr als nur Sauerteig, sie füllten eine Lücke aus, die von sich aus zu schließen die polnische Adelsrepublik — besonders nach Verdrängung und Unterdrückung des deutschen Elements — nicht die Kraft und nicht die Menschen besaß1). Es hatte schon eine gewisse Berechtigung, wenn Reiseschriftsteller vom Ausgang des 18. und dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts — man denke nur an den jungen Heine — den Juden Polens und hier im besonderen Großpolens (Posens), die Rolle des eigentlichen Bürgertums oder Tiers Etat" zuschrieben2). Sie repräsentierten wirklich kaufmännisches und gewerbliches Bürgertum ■— in den kleinen Ackerstädten sogar mit Ausschließlichkeit — und überraschten darum die gelehrten und die journalistischen Reisenden durch die Vielseitigkeit ihrer Beschäftigung und durch die Mannigfaltigkeit ihrer Berufe. Eine solche Stellung setzte natürlich voraus, daß der polnische Staat auch zahlenmäßig stark mit Juden gesättigt war — und die zeitgenössischen Statistiker bestätigen diese Annahme in reichem Maße. Die Angaben schwanken zwischen einer halben bis zu einer ganzen Million bei einer Gesamtbevölkerung von rund neun Millionen3). Die Wahrscheinlichkeit geht aber mehr nach der Seite der größeren Zahl, da die Juden — schon mit Rücksicht auf die Steuerlast — gute Gründe zur Verschleierung der wahren Menge hatten. Man kann sich demnach leicht vorstellen, wie erstaunt, ja völlig verwirrt die preußischen Beamten waren, als sie sich plötzlich in den