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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 329

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Bericht über Lyrik
Date
1929-05-01
Page
Seite 329 (sequence 6)
Language
German
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BERICHT ÜBER LYRIK 32!) reichischen Impressionisten verschmolzen. Hier ist ein Dichter, den die Welt überwältigte. Vom Lindenbaume löst sich Ein Wehen ganz gering. Das wandelt kühl zu mir herein Und sucht den Schmetterling, Der irgend in die Stube Vom Tag mir ward geführt Und nun an seinem Plätzchen still Die Mustern Schwingen rührt. Mag sein, die heutige Generation hat für diese Welt keine Augen mehr. Besinnung, die Sammlung der Sinne, ist ein fremder BegrilT geworden, die Berge ein Objekt für Höhenrekorde, die Schneelandschaf l ein Mittel zum Skifahren. Dennoch sind diese Gedichte noch nicht tot: der Herbst ist in ihnen, der Herbst vor dem großen Zusammenbruch. Aber nicht das Herbstgefühl des Erben, der klar und skeptisch in seinen Schätzen wühlt wie etwa HoiTmannslhal. sondern (ins Gefühl der Herbsllrunkenheil. Und das Gefühl des Landmanns in der guten Zeit von Frucht und Erfüllung: Auf dem Boden rochs nach Äpfeln, in den Kellern feucht nach Wein, Und wer eine Sense ansah, dem Mcl doch der Tod nicht ein. War ein Herbst so lang wie jeder; Sonne sinkt und Stunde schlägt; Doch an jedes Leben, schien uns. war ein Kleines zugelegt. Der Lyrik Mells nicht gleichwertig — wenn es dem Literaturbelrächter überhaupt gestattet ist. zu werten — aber immerhin gute Lyrik im alten Sinne, gibt das Buch ,,Musik der Jahreszeiten" von Arthur Fischer- Colbrie (Spei del sehe Verlagsbuchhandlung. Wien und Leipzig). Der Quell strömt nicht allzu reich; Fischer-Colbrie kommt von der anderen Seite her: ein Dichter, der die Welt mit artistischen Mitteln zu überwältigen versucht. Sein Buch ist nicht gerade originell, aber der Künstler, der die Form will, braucht gar nicht originell zu sein. Und so weist auch Fischer-Colbrie in seinen besten Versen von fern auf die melodische Linie und die edle Gelassenheil Conrad Ferdinand Meyers hin. Musik der Nacht hat angehoben Mit zitternd zartem Zwiegesang Der Zwillinge im Himmel droben. Den weitgespannten Siebenklang Beginnt Orion schon zu proben. Diese Betrachtung kann nicht beendet werden, ohne daß der Sammlung amerikanischer Negergedichte ,,Afrika singt", die in der Speidelschen Verlagsbuchhandlung, Wien und Leipzig, erschienen ist. Erwähnung getan würde. Diese Gedichte sind, wenn auch ihre Autoren zum größten Teil an der Kultur der amerikanischen Universitäten Anteil gehabt haben, so variabel auch ihre Ausdrucksweise, kunstvoll oder volkstümlich, rhapsodisch oder dem Rhythmus der Blues unterlegt, sein mag, alle aus dem Volk heraus entstanden und ohne den Kolleklivkörper der Negerrasse hinter sich undenkbar. Ob James Weldon Johnson, der einmal amerikanischer Konsul in südamerikanischen Republiken war, oder Countee Gullen, der Bewunderer John Keats. Claude McKay oder der prachtvolle Langslon Hughes, bei allen schlägt dieses Rassegefühl durch. Das macht sich auch in den Obersetzungen bemerkbar, und obwohl fünf Übersetzer diese Negergedichte übertragen haben, geht ein einheitlicher Zug durch die Gesamlüberse»zung. Rasse- und Klasseempfinden sind hier eins und nichts ist aus der sentimentalen literatenhaflen Distanz gesehen. Dem Gedicht ..Kupferne Spucknäpfe" von Langston Hughes merkt man an. daß es blutiges Erleben ist: Putz die Spucknäpfe. Boy. Detroit. Chikago. Atlantic City, Palm Beach. Putz die Spucknäpfe. Der Dampf der Hotelküchen, Und der Rauch der Hotelhall, Und der Schleim der Hotelspucknäpfe: Teil meines Lebens.

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