Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Bericht über Lyrik
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 328 (sequence 5)
- Language
- German
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328 MENORAH Diese Gedichte sind formlos, nur scheinbar strophisch gegliedert; in ihnen wird! Subjekt und Thema impressionistisch durcheinandergewirbelt. es sind merkwürdige Rhapsodien mit ironischer Färbung. Nun kommt das Rhapsodische wohl dem Mangel an Form zu statten. Form ist die kritische Haltung, die Gefühl und Gedanken zur Klärung zwingt, und alle Dichtung, die Spontaneität, äußersten Subjektivismus und direkten Ausdruck will, ist formfeindlich. Darum hat sich auch die expressionistische Lyrik mit Vorliebe des Rhapsodischen und Dithyrambischen bedient. Bei sachlicher Lyrik scheint das Rhapsodische jedoch unangebracht. Und jener geheime Teil Romantik, der schon in der sachlichen Ironie enthalten ist, wird denn auch hier, als Sehnsucht wenigstens, zugegeben. ......Die Romantik schenkt uns vielleicht bisweilen eine Nacht, in der wir in dein Mondenscheine weinen, weil wir das Brot für morgen dichten müssen. Auf den gemeinsamen Nenner dieser Betrachtung: Sachlichkeil, gebracht, repräsentiert Theodor Kramers Lyrikband ..Die Gaunerzinke" die Sachlichkeit des Landarbeiters und Handwerkers dem Boden, dem Material und dem Werkzeug gegenüber. Man konstatiert gerne die starke Begabung dieser kargen, etwas lehmschweren Verse: Schon hat das Märzlieht wie Tabak die Düngerfladen aufgehellt. Ernst mißt mit Schurz und Samensack der Bauer das geeggte Feld. Doch scheint die Bauernnüchternheit zu gewollt, die Unsentimenlaliläl, in die sich die soziale Anklage verhüllt, weist deutlich auf die Absicht. Es kann nicht genug betont werden, daß alle soziale Lyrik, sie mag sich noch so unsenlimental gebärden, als ästhetische Kategorie sentimental ist. In jenem Sinne, in dem Schiller die Urpolarilät der Naiven gegen die sentimentalische Dichtung gesetzt hat. Nicht nur darin liegt die Zwiespältigkeit der Gedichte Kramers. Die Mischung Landproletarier, Stromer und Stadtprolet verträgt sich nicht gut. Bei Richard Billinger etwa, dessen Verse mit denen Krämers eine gewisse Ähnlichkeil haben, kann man die Bauernabkunft leicht herauslesen. Bei Kramer klingt ein leiser Nebenion von Manieriertheit mit; besonders dort (man sieht auch hier die ironische Neigung) wo er ironisch wird. Dagegen sind die Balladen von starker rhythmischer Geschlossenheit und die Landschaflsgedichte gerade durch ihre Herbheit sehr eindrucksvoll. Die Anwendung von Ausdrücken aus dem Apachenjargon und dein Gaunerrotwelsch ist nicht immer zwingend. Neben der sachlichen Lyrik, der ,,Gebrauchslyrik", wie sie Kästner in einem Vorwort zu seinem zweiten Gedichtband nennt, werden, natürlich Tausende anderer Gedichle geschrieben, die zu einem geringen Teil in Anthologien gesammelt werden und so einen leidlichen Querschnitt durch die heul ige Produktion ergeben. Die Frage nach Wert oder Unwert dieser Produktion ist müßig. Das eine kann jedoch gesagt werden: das Zeitgemäßige. die Talsache, daß ein Gedicht seiner Zeit gerecht wird, kann kaum einen richtigen Maßslab für die Bewertung abgeben. Gewiß, auch die Gefühle wandeln sich. Trolz diesem Wandel aber wird Liebesgefühl, Körperschönheit, Freundschaft und ihr dichterischer Ausdruck über Jahrhunderte hinweg Gleichgestimmte immer wieder in Schwingungen versetzen. Wie weit der Gefühlswert einer Strophe andauert, das macht die Ewigkeit der Lyrik aus, während der Roman in der Zeit wurzelt und spätere Generationen wohl interessieren kann, ihr Gefühl aber niemals mit derselben Intensität treffen wird, wie heute noch die Psalmen. Sappho. Dante oder WaKher von der Vogelweide es vermögen. In diesem Sinne sind einige Gedichle von Max Meli unvergänglich, und es ist daher dankenswert, daß die F. G. Speidelsche Verlagsbuchhandlung, Wien und Leipzig, eine sehr knappe und strenge Sammlung der Mellschen Verse aufgelegt hat. Im Werke Mells ist das Erbgut deutscher Lyrik lebendig geblieben. Das Volkslied, Goethe und Claudius, Mörike und die Romantik haben hier mitgearbeitet und sind mit der feineren Sensibilität der öster-