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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 327

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Bericht über Lyrik
Date
1929-05-01
Page
Seite 327 (sequence 4)
Language
German
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B E R I C Ii T ÜBE R L YRIK ersch ü Bernde r Komik entstehen, die bitter genug gemeint sind: Wem Göll ein Amt gibt, raubt er den Vorstund. In Geist ist kein Geschäft. Macht AusverkauI"! Nehmt euren Kopf, und haut ihn au die Wand'. Wenn dort kein Platz ist, setzt ihn nieder auf. Der Göll, den Arndt das Kisen wuchsen lieh", Sehnt' auch das Blech und ähnliche Metalle. Vergebt es nie: Ihr seid im Paradies! Seid hoffnungsvoll. End meidet die Krawalle. Die politische Tendenz dieser Gedichte ist rein individualistisch: ihre soziale Ironie ist nur in ihrer karikaturistisch-sachlichen halle von dem allen naturalistischen Mitleidspalhos unterschieden. Der Unterschied scheint qualitativ zu sein, ist aber im Grunde nur ein quantilativer: soziale Dichtung, politische Dichtung, beide sind Literatendichtung. Der komische Vorfall, der sich anläßlich eines Gedichtes von Kästner ereignet hat. ist eigentlich nur im Bereiche unserer bis in die letzten Verfallserscheinungen individualistisch und erlebnishall gebliebenen Literatur so komisch zu werlen. In einem Frankfurter ISlatl war das Gedicht ..Chor der Fräuleins" abgedruckt. Fine Vereinigung weiblicher Büroangestelller reagierte auf diese Veröffentlichung mit einem entrüsteten Brief, in dem sie sich die Publikation solcher, die Kim» ihrer Berufsangehörigen herabsetzender Machwerke verbat und die Kündigung des Abonnements auf das veröffentlichende Blatt androhte. Diese lustige Angelegenheil, die in letzter Konsequenz dazu führen könnte, daß jede Organisation mißliebige Autoren unter Maulkorbzwang stellen könnte, zeigt klar, wie einsam unsere Literatur in der Gesellschaft geworden ist. Trotzki hat recht, wenn er behauptet, daß für den vierten Stand diese Literatur ungeeignet sein muß. Kästner ist bloß Exponent einer schmalen, radikalen Literatenschichte. Kein Dichter der heutigen Tage schreibt aus dem Volke heraus. Oder könnte man sich vorstellen, daß etwa ein Minnesänger irgend eine Verszeile gedichtet hätte, die gegen die Bedingungen des Rittertums gerichtet gewesen wäre, und gegen die irgend eine ritterliche Gruppe protestiert hätte? Das Buch ..Die Gazeftenlyrik" von Otto Kombach (Merlin-Verlag. Baden-Baden) sollte der Theorie der sachlichen Lyrik am nächsten kommen, weil es die Folgerungen aus der Annäherung der Literatur an den Journalismus zieht: ein Journalist schreibt hier Gedichte. Gerade aber diese Konsequenz verhindert, daß die Ironie so rein zum Vorschein kommt wie etwa bei Kästner. Denn Kästner ist tendenzgetrieben, ihn interessiert von den Erscheinungen vor allem das. was von links aus gesehen schlecht ist: er wählt aus. Nun ist Auswahl von jeher ein Grundgeselz der Dichtimg gewesen, und daß die Kritik der Auswahl, bewußt oder unbewußt, sich abgeschwächt hat und beinahe in Verlust geraten ist. macht zu einem wesentlichen Teile den Ruin der Literatur aus. Schon der Impressionismus wählte nicht aus: jeder Reiz konnte dicht-nScher StofT werden, wenn nur seine künstlerische Bewältigung adäquat gelungen war: ebenso schleuderte der Expressionismus seine Bekenntnisse vulkanarlig ans Licht. Schlacken und Lava durcheinander, ohne sich irgendwie von Selbstkritik hemmen zu lassen. Der Journalist kann noch weniger auswählen: nicht er wählt seine Stoffe, sondern seine SlofTe wählen ihn. Zeitung ist der Verzicht auf Auswahl, die Formlosigkeit an sich (daß die Zeitung auch ihre Form hat. gehört nicht in diese» Betrachtungen). Otto Rombachs Gedichte sind keine Gedichte: sie wollen es auch nicht sein, in einem andern Sinne nicht, als die Gedichte K äslners. Ich kann kein Lied. Das heiße Handwerk hat den Puls gesprengt, die Uhr mich angetrieben zur ekstatischen Sprungprozession, in der die Sinne schwinden. Ich werfe über tausend Lexika im Geiste den ewig fieberhaften, eigenen Geist und zerre Ferne zu der Nähe, ein Bild zu sticken, das wie eine Torte, mit Filigran aus Zuckerwerk verziert auf allen Straßen ausgetragen wird.

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