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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 326

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Bericht über Lyrik
Date
1929-05-01
Page
Seite 326 (sequence 3)
Language
German
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826 MENORAH Irennl von den Dingen. Er kann weder ihren Schein schildern, noch ihr Wesen herausholen, bloß ihr Fleisch kann er wiedergehen, die nackle Realität, die Sache selbst. Dieses Prinzip ist dein Gedicht feindlich. Es kann niemals Basis für Lyrik werden und wenn es sich in Versen äußern will, führt es direkt zur Ironie. Zu einer ähnlichen Ironie, wie es, so paradox es klingen mag, die romantische Ironie gewesen ist: und es ist ja auch fast die gleiche Voraussetzung wie damals gegeben: nur daß sich der Romantiker negativ, der Sachliche positiv zur Realität stellt. Man könnte diese Ironie eine romantische Ironie mit verkehrten Vorzeichen nennen, überdies ist <>ie auch sonst nicht neu: schon der alte Fontane hat ähnliche unlyrische Verse geschrieben, und der Unterschied zwischen Fontane und Tucholsky ist bloß ein quantitativer. Eigentlich ist die ganze neue Sachlichkeit nichts anderes als ein desillusionierter Naturalismus ohne dessen enldeckeriseheii Impetus. Die Sachlichkeit ist nur in den Großstädten möglich: sie hat sich ganz von der Erde entfernt; ist es nicht auffällig, wie gut sie sich mit jenem Schuß von Schnoddrigkeit und Snobbismus verträgt, der in Berlin heimisch ist. Die Sachlichkeit hat gegenüber der Realität klein beigegeben. Der Dichter bat sich bisher immer als Sinngebenden der Schöpfung gesetzt, für ihn war immer der Mensch der Sinn der Erde. Der sachliche Schriftsteller läßt den Dingen ihren Eigensinn und entzieht damit der Dichtung den Boden. Unter den sachlichen Voraussetzungen ist die Lyrik unmöglich. Das beste Beispiel für diese Betrachtungen ist der Gedichtband von Erich Kästner ..Herz auf Taille" (Verlag G. Weller & Comp.. Leipzig). Diese Verse könnten zum großen Teil unter Zeichnungen von Georges Groß stehen, sie sind auch mit Illustrationen in der Art von Georges Groß versehen. Trotzdem fehlt ihnen die Unerbiltlichkeit dieses agitatorischen Zeichners. Sie sind amüsanter und literatenhafter. Ihre radikale Polemik wächst nicht aus dem Rebellentum der Masse, sondern sie ist. wie sich aus den beschriebenen Elementen der sachlichen Literatur ergibt, der Kritik des beobachtenden Literaten entnommen. Das sind Gedichte, wie sie die Zeit verlangt (auch wenn sie sich gegen die Zeit stellen). Zeitgemäße Lyrik kann nur in Ironie münden und gegen die Zeil gerichtet sein. In einer ähnlichen Situation befand sich ja auch Heine, der als einer der Ahnen dieser Ironie gellen kann. Die sachliche Dichtung entspringt nicht der rauscharligen Eingebung eines einzelnen Formhndenden, auch nicht einer lyrischen Schule, die das Kullureleinenl einer geschlossenen Epoche darstellt, sondern sie ist aus der Resignation, aus der Verzweiflung der Zeil nach dem Kriege geboren. Der sachliche Dichter sieht sich einer Welt gegenüber, die im Zerfallen chaotisch und in Einzeldinge aufgelöst erscheint. Er selbst hat es nach der katastrophalen Erschütterung von Krieg und Revolution verlernt, sich selbst als Sinn der Sinne zu setzen. Er muß von neuem anfangen: Wir wollen wieder mal die Tradition begraben. Sie saß am Fenster. Sie ward uns zu dick. Wir wollen endlich unsere eigene Aussicht haben Und Platz für unseren Blick. Wir wollen endlich unsere eigenen Fehler machen. Wir sind die Jugend, die an nichts mehr glaubt Und trotzdem Mut zur Arbeit hat. Und Mut zum Lachen. Kennt ihr das überhaupt? Beginnt ein Anfang? Stehen wir am Ende? Wir lachen hunderttausend Rätseln ins Gesicht. Wir spucken — pfui, Herr Kästner — in die Hände Und gehen an unsere Pflicht. Aus solchem Verhalten kann natürlich keine lyrische Stimmung entstehen. Daraus ergibt sich jene unsentimentale, manchesmal herzerfrischende Kühle, die im Narrenturm des heutigen Lebens einzig angemessen ist. Nur so können Strophen von solcher Zwerchfell-

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