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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 325

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Bericht über Lyrik
Date
1929-05-01
Page
Seite 325 (sequence 2)
Language
German
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BERICHT ÜBER LYRIK 325 schöpfte will Entspannung: die Literatur wird in größeren Maßstäben als je zuvor unterhaltsam. Lyrik kann nicht unterhalten, oder doch nur in jenem tieferen Sinne, als jede Kunst letzten Endes das Lebensgefühl erhöhl und anhaltende. Einflüsse zur Höherentwicklung zeitigt, während die Unterhaltungsliteratur wohl für eine kurze Zeil zu erfrischen vermag, den Menschen aber sofort wieder leer läßt. Dem kaufmännischen Standpunkt kommt das zugut. Es muß viel produziert werden, und die Produktion lohnt sich. Dagegen kann Lyrik nicht geschäftlich verwertet werden. Sie läßt sich in dem heutigen großen Literaturbetrieb nicht gut unterbringen. Der Lyriker ist noch immer ein Dichter und daher kein zeitgemäßer, sondern ein ewiger Typus. Zeitgemäßer und für die Zeit schreibt der Schriftsteller. Der Lyriker schreibt nicht: dem Gesetz der produktiven Stimmung, von dem sich der Schriftsteller zum Teil zu befreien weiß, ist der Lyriker Untertan. Mit Rausch und Begeisterung kann man sein. Brot nicht verdienen, und Rausch und Begeisterung laugen allerdings schlecht für die heutige Zeit, deren oberste Maxime der Broterwerb ist. Immer wenn sich die Literatur durchgreifenden Veränderungen der Realität gegenübersiehl. in Epochen großer materieller Verschiebungen, sozialer Änderungen und Umwälzungen, sucht sie sich zuerst die Tatbeslände der geänderten Realität anzueignen. Das war so im Zeitalter des Naturalismus, als nach den Jahren der Gründerzeit das Anwachsen der kapitalistischen Produktionsweise Fabriken in Europa emporschießen ließ, und die Wichtigkeit des Proletariats zum ersten Male erschreckend zu erkennen war. Das ist heule nicht anders: sich überstürzend schnell haben sich seit dem Kriegsende die Verhältnisse gewandelt. Die Literatur konnte da nicht mit, so rasch sie auch ihre Aufgabe begriffen haben mag, Nur die Journalistik war diesem Tempo gewachsen. Deshalb hat sich die Literatur, teils um der steh vehement verwandelnden Tatsachenwelt besser habhaft zu werden, teils um dem Tempo gewachsen zu sein, dem Journalismus in die Arme geworfen, den sie ein ganzes Jahrhundert lang verachtele, (iah es doch keine ärgere Schande für einen Schriftsteller, als wenn man ihm nachsagte, er schriebe wie ein Jounalist. Die Gattung, die heute für die Literatur repräsentativ gilt, ist die Reportage. Der Reporter ist liferaturfähig geworden. Der Journalismus, dessen Aufgabe darin besieht, sich mit hastigem Zugriff der Ereignisse zu bemächtigen, kann nicht in die Tiefe gehen. Wo er es versucht, wird er preziös und kommt den Aufgaben nicht nach, die ihm das Publikum stellt. Der Journalist schreibt, wie es der Leser verlangt, und ist höchstens imstande, dem Publikum ein Bedürfnis zu suggerieren. Sein Stil muß leicht versländlich, unterhaltend und sachlich sein. Bloß das Fleisch der Dinge kann er geben, nicht die Dinge selbst. Der Mensch von heute verlangt viel eher nach dem Fleisch der Dinge als nach den Dingen selber. Ihn leitet vor allem der Genuß: die heulige Generation will Ablenkung von sich selbst. Selbstvergessen, Schaulust und Sexualität. Die Literatur bat sich «angepaßt; heute dominieren Reisebericht und neue Sachlichkeit, die mit journalistischen Mitteln arbeilen, und die animalistische Dichtung, die ihre dramatische Spannung noch von der expressionistischen Dynamik herholt. Wie steht nun die Lyrik zu alledem? Das Geschlechtliche ist antilyriseh. Das bloß Fleischliche, die Sachlichkeil der Liebe, die Sexualität ohne das Ambiente des Gefühls isl enterolisierend, und es ist kein Zufall, daß niemals weniger Liebesgedichle geschrieben wurden als heule. Die neue Sachlichkeit schließt Lyrik aus. Sachlich und lyrisch sind Urgegensätze. Entweder die Welt überwältigt den Dichter, oder der Dichter überwältigt die Welt. Das ist, männlich und weiblich, in schematischer Abstraktion das lyrische Verhalten. In beiden Fällen wird Welt und Dichter eins. Der Journalist, der sachliche Schriftsteller, steht der Welt als kühler und kritischer Betrachter gegenüber und bleibt, skeptisch oder entflammt, leugnend oder zustimmend, ewig ge-

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