Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Bericht über Lyrik
- Date
- 1929-05-01
- Page
- 324 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BERICHT ÜBER LYRIK Dieser Aufsatz über die Problematik der gegenwärtigen Lyrik fällt nur scheinbar aus dem Rahmen unserer Zeitschrift. Ob der eine oder der andere der hier besprochenen Autoren Jude ist oder nicht, das macht weniger aus. Aber wie hier der Intellektualismus, dessen Verderblichkeit man den Judeii mit Recht vorwirft, angegangen wird, das Literatentum, die jüdische Neigung überall mitzulaufen, Schulen und Cliquen zu propagieren, kritisiert wird, das gibt genug Anlaß, diese Betrachtung in der „Menorah" zu veröffentlichen. Und gar, wenn man die Tendenz des kleinen Essays in Betracht zieht: wem kann mehr empfohlen werden, zum Volke zurückzukehren, als dem jüdischen Dichter. In einer der folgenden Nummern wird der Verfasser sich übrigens mit der Stellung des Judentums zur modernen deutschen Lyrik auseinandersetzen. Vorbemerkung der Redaktion. In der heutigen Literatur nimmt die Lyrik den geringsten Raum ein. Gedichte werden im allgemeinen verachtet. Nicht, daß es ihnen so ginge wie etwa um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, wo sie hanal und epigonenhaft in charakterlosen Goldschnittbänden als Angelegenheit für höhere Töchter galten. Nach einer reichen Blüte, welche die Lyrik in den jüngstvergangenen Literaturepochen erlebt hat, ist sie problematisch geworden. Eigentlich ist die ganze Literatur etwas Problematisches in einer technisierten und kommerzialisierten Zeit; wie sollten nicht gerade Verse dieser Zeit im Innersten verdächtig und fragwürdig erscheinen? Dem Chaos der Gegenwart entspricht eine ebenso chaotische und richtungslose Dichtung, in der alte und neue Tendenzen nebeneinander existieren, ohne daß sich bisher irgend eine Kristallisationsform gebildet hat. Das eine läßt sich jedenfalls konstatieren: ein Bedürfnis für Lyrik ist kaum vorhanden. Lyrik braucht Zeit; Zeit für den Dichter und Zeit für den Empfänger. Der wütende Lebenskampf aber absorbiert den heutigen Arbeitsmenschen derart, daß er — Müßiggänger gibt es kaum mehr — in seinen Mußestunden viel zusehr erschöpft ist, daß er die nötige Sammlung für Verse aufbrächte. Lyrik als moderne Erlebnisdichtung ging außerdem ganz vom Individuum aus. Der Individualismus hat Bankerott gemacht. Individualismus hindert das restlose Aufgehen in den reibungslosen Mechanismus der heutigen Produklionsmaschine. Wer hätte denn heule Verständnis für die Verse der Impressionisten, die die geheimsten Reize in ihre Gedichte einfingen und die schon früher bewußt für kleine, auserlesene Kreise geschrieben hatten? Für die expressionislische Dynamik, die. ebenso extrem — individualistisch gesinnt, in Schreien explodierte und in Stammeln exzedierte und ihren kleinen Schmerz großsprecherisch mit dem Schmerz der Erde identifizierte? Gerade die Bedeutung der psychologisch-medizinischen Schulen in der heuligen Zeit zeigt die Gefährdung der Seele, die noch nicht gelernt hat, sich in die Kollektivkörper einzufügen, denen die Zukunft gehört. Die Lyrik der Zukunft wird mit höchster Wahrscheinlichkeit vom Gefühl der Gemeinschaft ausgehen müssen. Da die Feinschmecker aussterben, denen die Literatur ein Lebensbedürfnis gewesen ist, und eine geschlossene Gesellschaft als Kulturträger nicht mehr existiert, die sich in der Dichtung, die aus ihr herauswuchs, spiegeln konnte, hat sich die Literatur den Verhältnissen angepaßt: sie hat sich kommerzialisiert und arbeitet (wie es in der trivialen Sphäre schon seit jeher war) nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Der Er-