Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Ritualmord in Memel
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 320 (sequence 4)
- Language
- German
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320 MENORÄH zwar die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen. Ritualmord erstattet, aber ich denke, es wird nichts daran sein. Wir Deutschen waren auch einmal Heiden und haben Pferde geopfert und heute sind wir kultiviert. So ist es auch sicher bei den Juden. Wenn sie früher auch Christen geschlachtet haben, so sind sie heute doch schon kultivierter, nicht wahr, und tun das nicht mehr. Die Kultur geht doch immer weiter." In der Tat, lieber Herr Jakumeit. Die Kultur geht weiter. Aber manchmal schrecklich langsam. So langsam, daß man die Geduld verlieren möchte . . . ADOLF WEISSMANN IST GESTORBEN. 55 Jahre all, dem äußeren Anschein nach von strotzender Gesundheit, erlag er auf einer Palästinareise in Haifa einem Gehirnschlag. Er starb also sozusagen im Augenblick, da er den Roden des Landes betreten halle. Am nächsten Tage sollte er bereits seinen ersten Vortrag in Tel-Awiv halten. Wenn ein in öffentlicher Wirksamkeit stehender Mann stirbt, pflegen sich Nachrufe einzustellen, die meistens ein gleichsam ins Gute verzerrtes Bild des Toten malen. Aber liegt nicht darin fast eine Art Herabsetzung, eine falsche Rücksichtnahme, die gerade eine starke Persönlichkeit weder notwendig hat, noch verdient. Und Weißmann war zweifellos eine solche Persönlichkeit, von großer Kraft, die neben augenfälligsten Vorzügen auch manche weniger positive Seile aufwies. Ist doch Kritiker zu sein ein Beruf, der beinahe in sich eine Ali Widerspruch birgt. Erfolg hat hier nur. wer eine Sicherheit, eine Folgerichtigkeit, ja, eine Unfehlbarkeit des künstlerischen Urteils fingert, die in Wahrheit kein Mensch besitzen kann. Weißmann aber — an prominentester Stelle wirkend — war der erfolgreichsten einer. War es in seinen zahlreichen Büchern, von denen die Musik in der Wellkrise"' sein gelesenstes, die ,,Enlgöllerung der Musik" — sein letztes Werk — schon der Problemstellung nach sein interessantestes gewesen sein dürften. Und war es nicht minder in seiner Tätigkeit als Tageskritiker. Wenige haben wie er die Gabe besessen, kurzweilig und doch nicht billig zuschreiben; für jedermann mühelos verständlich und gleichzeitig tief zu wirken; eine weit über alle Tageseinteilung hinausreichende Betrachtung zu pflegen und doch stets von unmittelbarster Aktualität zu bleiben. Forscht man über diese immer blendende Form nach der Wahrheit und Wertbeständigkeit seines Urteilens selbst, so ergeben sich viel eher angreifbare Flächen. Zwar wollte er sich gerne als Vorkämpfer der zeitgenössischen Produktion genommen wissen, aber die schöpferischesten Kräfte unserer Tage: Schönberg, Krenek, Berg, in letzter Zeit selbst Hindemith, er hat sie zwar nicht direkt abgelehnt, aber auch nie rückhaltlos anerkannt, eigentlich immer mehr an ihnen vorbeigesehen. Er hat sich auch erst mit allen von ihnen erst dann ausführlicher beschäftigt, sobald sie bereits auf anderen Wegen durchgesetzt waren. Aus dem Dunkel hervorgeholt — die schönste Möglichkeil eines Kritikers — hat er keinen. Wahrhalt apostelhaft trat er lediglich für einen einzigen Komponisten ein. den er denn auch wahrscheinlich etwas überschätzt hat, für Igor Slrawinsky. — Eigenartig war sein Verhältnis, seine Bekehrung zum Juden (um und jüdischer Musik. Ursprünglich allen damit in Zusammenhang stehenden Fragen gegenüber ziemlich gleichgültig eingestellt, zuweilen sogar zu der einen oder anderen leicht ironisierenden Andeutung geneigt, wuchs sein Interesse später von Jahr zu Jahr und hat sich schließlich zu wirklicher Liebe gesteigert. Die Leser der ,,Menorah" werden sich erinnern, daß wir seinerzeit unsere Musikrubrik mit einem Beilrag Weißmanns über ..Judentum in der Musik'' eröffnen konnten. In letzter Zeit soll mancher persönliche Kontakt stark in dieser Beziehung auf ihn eingewirkt haben. Er hat sich in Berlin mit an die Spitze der Bestrebungen zur Förderung jüdischer Musik gestellt, Vorträge über dieses Thema gehalten. Nun wollte er zur Quelle, ein Ausflug nach Palästina sollte Gelegenheil geben, zu lehren und zu lernen. Er ist hin-