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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 321

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Ritualmord in Memel
Date
1929-05-01
Page
Seite 321 (sequence 5)
Language
German
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UNSERE ZEIT 321 gelangt, aber nicht mehr zurückgekehrt. Schnell und schmerzlos, in der Vollkraft seines Daseins, geistig und körperlich bis zur letzten Minute irisch, sozusagen mitten im Maisch, ist er gestorben. DER ANGEHÖRIGE EINES UNTERDRÜCKten Volkes singt jetzt in allen großen Konzerlsälen Europas. Kein Jude — „schlimmer": ein Neger. Er heißt Paul Robeson und ist nicht der erste singende Neger, der von Amerika aus, allen bekannten Vorurteilen trotzend, zum WeUslar emporwuchs. Roland Daves zum Beispiel, der Tenor, ist neben manchen anderen noch in allgemeiner Erinnerung. Aber Daves ist letzten Endes —- gewiß, auch das ist sehr viel - ..nur'1 einer der zehn, zwanzig besten lyrischen Tenöre unserer Zeit, sich von den anderen lediglich dadurch unterscheidend, daß er zufällig als Neger geboren wurde. Robeson aber ist ganz etwas anderes, ist mehr. Rein stimmlich genommen scheint ja auch er — last möchte man sagen: leider — in der heute den Kunstgesang beherrschenden Konzertlradilion herangebildet. Immerhin verfügt er auch diesbezüglich über ein Nalurinstrument. das sich schon hören lassen kann: dem Grundtimbre nach ein richtiger Baß mit allen mühelosen tiefen und tiefsten Orgeltönen eines solchen schwebt er doch gleichzeitig in jenen gewichtlosen Höhen, die sonst das Grenzgebiet baritonaler und tenoraler Stimmströme zu sein pflegen. Dennoch, so berückend sie auch klingt, das Schönste an diesem Neger ist noch nicht seine Stimme. Vielmehr ist es die tief demutvolle und doch wahrhaft königliche Art, mit der er seine Kunst, sich selbst und seine Rasse vor der Welt vertritt. Eine kleine Geschichte, die ihm in seinen Anfängen passierte, macht ihn verständlich. Als er einmal nach einem seiner ersten Konzerle in New York in einem nahegelegenen Restaurant sein Abendbrot einnehmen wollte, wurde er, vielleicht von ebendenselben ..vornehmen" Damen und Herren, die ihn gerade noch enthusiastisch umjubelt hatten, etwas unsanft aus dem Lokale, in dem nur Weiße verkehren durften, gewiesen. Er hat diesen Vorfall, wie es scheint, nie vergessen. Er zittert wohl noch heute in ihm nach, so oft er das Podium betritt und der beifallklalschenden Menge ins Gesicht sieht Dieser Mann — das spürt man deutlich — stellt seine Stimme nicht um persönlichen Vorteiles oder Ruhmes willen zu Gehör, sondern weil er sich von einer Sendung, einer Verpflichtung durchdrungen glaubt. Dieser Idee dient das Programm, das einzig und allein aus Spirituals besteht, jenen halb religiösen, halb volksliedaiiigen Gesängen, in denen biblische Personen und Begebenheilen auf ergreifend-ergötzliche Art von kindhallen Negeraugen geschaut werden, und deren Melodik, nebenbei gesagt, oft verblüffend an jüdischen Tempelgesang anklingt. Und dieser Idee dient vor allem er selbst, in seiner Ivunsl. in all seinem Tun. ja in jeder kleinsten seiner Bewegungen. Noch nie habe ich einen Künstler gesehen, der jedem Beifall so völlig, so absolut gleichmütig gegenüberstand wie dieser Neger. Und zwar gleichmütig, nicht aus jener bei Künstlern so beliebten hochfahrenden Überlegenheit, sondern aus Bescheidenheit, weil er sich bewußt scheint, daß in einer Welt, in der so viele seiner Brüder, so viele Menschen überhaupt, dem Leid verbunden sind, alle Beifallsbezeugungen, alle Ehren eine sehr nebensächliche, sehr zweifelhafte Angelegenheit sind. Eines nur Sellien — mitten im Konzerl — diesem singenden Neger auf einmal nicht nebensächlich. Ff sah nämlich, so oft er den Saal beschritt, daß auch oben am Podium einige Zuhörer Platz gefunden hatten, denen er daher während der Vorträge notgedrungen den Rücken kehren mußte. Da es für ihn aber Zuhörer erster und zweiter Güte offenbar nicht geben durfte, drehte er sieh plötzlich vor einem der letzten Gesänge still um und sang nun, dem Saale ruhig den Rücken kehrend, jener kleinen sonst zu kurz gekommenen Gruppe ein S eparat konzer t vor, sang vom langen Regen Vater Noahs, der die Länder überschwemmte, sang von Josua und Saul und sang inbrünstig von David, der den Goliath besiegte. Dr. Rudolf Reti.

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