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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 319

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Ritualmord in Memel
Date
1929-05-01
Page
Seite 319 (sequence 3)
Language
German
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UNSERE ZEIT 319 /ur Schwarzen Messe verdichteten, auch den Juden zuschrieb. Daß sie an die Lehre Christi nicht glaubten und seine Miltlerslellung ablehnten, weiß er. wußte er. Daß ihre Ablehnung des Christentums aber eben daher rühre, daß für sie Christi Blut ebenso bedeutungslos sei wie das Blut irgendeines Lebewesens überhaupt — weder heilig noch unheilig, sondern ganz einfach unfähig, irgend etwas zur Erlösung der Menschen beizutragen, das konnten sie nicht fassen —- das war z u kühn. Wer gegen Christus ist. muß für den Satan sein —■ es ist eine viel zu einfache Formulierung, als daß sie sieli nicht dem Ceist des Primitiven hätte aufdrängen sollen. Und deshalb kehrt die Ritualmordliige immer wieder. Immer wieder. a her damit sie gegen Juden noch heute gerichtet werden kann, gehört auch noch ein zweites: der Jude muß so fremd geblieben sein, daß man ihm wirklich ..alles" zutrauen kann. Auch das Schlachten von Christen zu rituellem Zweck. Ist das möglich, daß der Jude in allen den Jahrhunderten Zusammenlebens mit Deutschen. Russen. Polen -—Katholiken. Orthodoxen. Prolestanten - so ganz fremd geblieben sei? Leider ju. Wer will, mag die Probe machen: in jeder Großstadt der Welt mag er eine Rundfrage unter zehn Intellektuellen seines Bekanntenkreises veranstalten. ..Was sind die Grundlehren des Judentums?" und von zehn werden wenigstens sechs antworten: .,Tch habe davon keine Ahnung'/' Der Bauer aber, der Kleinbürger behauptet: er wisse - wisse alles. Und so entsteht die Ritualmordlüge. \J\J 10 senr'-i^)er dieses Fremdsein, dieses Un- * verstanden sein, den Juden selbst tiefinnerlich bewußt bleibt, lehrte mich gerade in Memel ein kleiner Vorlall. Am 25. April war heuer Pessach. Am (). April starb um 5 Uhr früh das Dienstmädchen Martha Jakumeil in Memel im Hause des aus Litauen eingewanderten jüdischen Kaufmannes Schocher an Gasvergiftung: sie hatte nur einen der beiden Gashühne abgedreht und das ausströmende Gas hatte sie erstickt. Um 10 Uhr früh desselben Tages kam die Tochter des Kaufmannes zu ihrem Hausarzt, einem außerordentlich hochstehenden Intellektuellen, einem allansässigen Bürger der Stadl Memel — aber einem Juden. Und dieser alte Bürger Memels sagte sofort — sofort! ohne Überlegung: ..Das ist aber schrecklich unangenehm! Ausgerechnet vor Pessach muß das passieren . . Und dabei waren noch US Tage bis zum Fest. Aber der Jude war. ist verängstigt. Er weiß, daß er fremd und F'remder ist — auch wenn er es leugnen will. Und seine innere Angst und Unsicherheil zieht daraus die Konsequenzen. Und noch ein Beispiel lehrte mich, wie recht dieser Arzt halte, als er 1<)2<) den Schreckruf ausstieß, der vielleicht vor zweihundert Jahren versländlicher gewesen wäre, und der unerwartet wieder Aktualität gewann: Ganz Memel sprach vierzehn Tage lang von nichts anderem als vom Ritualmord. Alle Dienstmädchen, alle Marktweiber, alle Krämer — und, natürlich, auch alle Juden. Das Mädchen Jakumeit ist nicht an Gas erstickt, sie wurde von den Juden geschlachtet . . . nicht von den braven Deutschen, aber von den bösen Fremden. Und da der Kaufmann Schocher, den ich kennenlernte, ein so braver, stiller, frommer Mann ist. daß man ihm wirklich nicht zumuten konnte, ein Mädchen geschächtet zu haben, so erklärte der Volksmund, er habe sie an ..andere", ..fremde'" Männer verkauft; für Geld oder aus Zwang . . . Und darüber sprach unter anderem auch ein angesehener Jude mit dem Herrn Generalsuperintendenten von Memel. Und dieser Würdenträger sagte: ..Ich glaube natürlich nicht daran, daß der Schocher so etwas getan hat — aber ob es nicht doch irgendwo solche jüdische Sekten gibt oder gegeben hat. kann man natürlich nicht wissen . . /' Oder, wie es der Bruder des toten Mädchens mir gegenüber ausdrückte: ..Ich habe

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