Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Die Karäer
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 312 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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312 M ENOR A II mudgelehrter). Es sei an ihm ein Makel gefunden worden, wegen dessen er weder Gaon noch Exilarch geworden sei. Er hegle einen Verdruß im Herzen, deshalb helzle er die Juden gegen die Überlieferung." (Nach der Veröfi'enlliehung der Fragmente seines ,.Sefer hamizwoth" durch Harkavy und Seheehler wird diese seine Gelehrsamkeit allerdings stark angezweifelt.) Ebenso gewiß ist es oder noch gewisser, daß er manche lalmudische Bestimmungen nicht anerkennen wollte und daß seine talmudfeindliche Gesinnung jedenfalls den Vertretern der beiden Hochschulen (in Sura und Pombadita |. welche die Exilarchenwahl leiteten, bekannt gewesen sein mußte. Ms gelang Anau eine Anhängerschaft zu gewinnen. Seine Partei ließ es nicht an Anstrengungen fehlen, um seine Wahl beim Kalifen Almansur durchzusetzen. Allein die Gegenpartei siegte. Er verließ bald darauf sein Heimatland Babylonien. um sich in Palästina anzusiedeln. Er baute in Jerusalem eine eigene Synagoge, die sich bis zur Zeit des ersten Kreuzzuges erhalten halle. Die Anhänger Anans sagten sich vom GesainIverbande los und anerkannten ihn als den berechtigten Exilfürsten. Sie legten ihm und seinen Nachkommen diesen Titel bei. Soviel sieht fest, daß der Stifter der karäischen Sekte, der. der Geschichte hohnsprechend, den Talmud, diese Brücke zwischen der biblischen Vergangenheit und der Gegenwart (wie Grätz den Talmud bezeichnet), verwarf, das religiöse Leben eher erschwerte als erleichterte. Am Sabbat durfte man kein Heilmittel gebrauchen, auch nicht bei gefährlich Erkrankten. Die Speisegesetze sind noch verschärft. Auan dehnte die Verwandschaftsgrade auf verbotene Ehen auch auf die Ehen zwischen Oheim und Nichte aus. Die in der Bibel angeordnete Leviratsehe, (der Bruder des verstorbenen Gatten mußte die Witwe heiraten) wurde von ihm auf alle männlichen Angehörigen der Familie ausgedehnt. Er berief sich hiebei auf die Erzählung im Buche Ruth. Nur ein Lichtpunkt ist festzustellen. Er verlieh den Töchtern die Gleichberechtigung mit den Söhnen hinsichtlich der Erbschaft. Das Religiöse erhielt durch Anan einerseits einen düsteren und anderseits einen nüchternen und poesielosen Charakter. Die allen Gebetsformeln — von denen viele noch im Tempel gesungen wurden — wollte er nicht gellen lassen. Er führte die litaneiartige Rezitation biblischer Stücke ein. Die heutige karäische Gebelsordnung wurde ungefähr fünf Jahrhunderte später von Aron ben Josef sen.. der Arzt in Konslantinopel war. unter Aufnahme religiöser Hymnen von Gabirol, Juhuda Halewi. Ihn Esra und anderer rabbanitischer liturgischer Dichter abgeschlossen. Anan suchte nicht nur die Bestimmungen über Sabbat, über die Ehe und Speisegeselze, sondern auch über den Festkalender umzugestalten. Die Monatsanfänge sollten nicht bestimmt aufeinanderfolgen, sondern durch das Beobachten des Neumondes jedesmal festgestellt werden. Die Schaltjahre sollten nicht eine regelmäßige Reihenfolge nach dem neunzehnjährigen Zyklus haben, sondern von der jedesmaligen Prüfung des Standes, der Gerstenreife in Palästina bedingt sein. Es war dies eine Wiederbelebung einer Festordnungderen l nhallbarkeit bei der Zerstreuung des jüdischen Volkes klar ersichtlich war. Für Anan und seine Anhänger in Palästina bot dieses veränderliche Kalenderwesen freilich keine Schwierigkeiten. Doch das beweist, daß ihm der Fern- und Weitblick fehlte. Das Wochenfest wurde wie einst bei den Sadduzäern — fünfzig Tage vom Sabbat nach dem Passah feste zählend - gefeiert. Anan stand auch unter moslemischem Einflüsse. Abu-Hauul'ah. der Gründer der Hanaütenschule, war sein mohammedanisches Vorbild. Er kam eben aus Bagdad, dem damaligen Zentrum arabischer Gelehrsamkeit. Die Karäer brachten keinen einzigen großen schöpferischen Geist in all den bald zwölf Jahrhunderten ihrer Geschichte hervor. Die größte Blütezeit des Karäertums liel ins zehnte und elfte Jahrhunderl der gew. Zeitrechnung. Seit damals gab es nur Übersetzungen aus dem Arabischen, Kompilationen und Nachahmungen. Einer der bedeutendsten Repräsentanten der Epoche der Floreszenz war