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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. 311

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Die Karäer
Date
1929-05-01
Page
311 (sequence 1)
Language
German
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DIK KARÄER IJne aussterbende jüdische Sekte Wie verlautet, leben derzeit nur noch neun Karäer in Jerusalem. Ks fehlt der zehnte zum Minjan ... In anderen Teilen der Welt, hauptsächlich in Südrußland, i»il>l es karailische Gemeinden mit einer Gesamtseelenzahl von ungefähr 8000. Doch im Brennpunkte ihrer religiösen Riten und Interessen (ihres Kalenderwesens). in ihrem Stammsitze in Jerusalem sind sie am Krlöschcn. Sie hallen eine bedeutende Vergangenheit, doch sie haben keine Zukunft. Kin kurzer Rückblick auf ihre Geschichte ist lohnend. Zur Zeit seines Knlslehens bildete der Karäismus eine Reaktion gegen den erstarrenden Talmudismus, ein aufrüttelndes Klcment. das der in der saboräischen und frühgaonischen Periode überhandnehmenden Stagnation stark entgegenwirkte. (S. Pinsker „Likute Kadmonijolh".i Ks gab siebzig verschiedene Sekten: die Karäer erwiesen sich als die zähesten. Sie stellen gewissermaßen einen langsam verdorrenden Ast dar, der von seinem mit dem Mutlerboden fest verwurzelten Räume losgerissen wurde. Der Talmud, die rabbinische Halacha. wurde von ihnen abgelehnt. Da sie die Bibel als letzte Instanz betrachteten, waren sie dazu gedrängt, die Wortbedeutung und den Textsinn der Heiligen Schrift genauest zu bestimmen. Sie gaben einen mächtigen Anstoß der Bibelforschung und trugen zum Ausbau der hebräischen Grammatik bei. Der Begründer der Sekte Anan ben David grill* in gewissem Sinne auf längst ausgestorbene —- oder für ausgestorben gehaltene — Sekten der Sadduzäer und Kssäer zurück. Kr kombinierte ihr System der Buchstabengläubigkeit mit der Sehnsucht der Talmudisten nach der glorreichen Vergangenheit Zions. nach dem Wiederaufbau des Tempels mit seinen Opfer- und Reinheilsgesetzen. Kr war übrigens nicht ganz konsequent, denn er ließ auch viel Talmudisches stehen. Der Karäismus ist asketisch, düster und weitabgewandt. Poesievolle religiöse Bräuche wurden zum Gegenstand ihres Spottes, zum Beispiel der Lulaw und Kthrog am Sukkolh-Kcste (Golllober ..Bikoretb ltoldolh hakraim'i. Chanukah wird nicht gefeiert, weil vom Talmud angesetzt. Das Schofarblasen wird nicht geübt. Der Kreilagabend wird im Dunkeln verlebt, weil die Bibel (Mosis II. .'5f). 'A\ das Keueranzünden am Sabbat verbietet. Der Talmud ordnete deshalb in Akkommodation an das Leben das Lichtanzünden vor dem Sabbateingang an. Dieses Lichleranzünden ist übrigens ein uraller Brauch, bereits in der Midraschlileralur „Bereschith rabba" erwähnt. Die Rabbinen verhängten über Anan und seine Anhänger den Bann hauptsächlich wegen dieses Silzens im Knistern am Kreilagabend. (Pinsker ..Likute Kadmonijolh.") Golllober (Bikorelh lloldolh hakraimi wirft die Krage auf. weshalb die Sadduzäer. die die Auferstehung leugneten, und dem Talmud keine Anerkennung zollen wollten, nicht mit dem Banne belegt wurden. Sie bildeten einen Teil des jüdischen Volkes, man verschwägerte sich mit ihnen. Golllober meint hiezu, die Rabbinen waren friedliebend. Auch war es vor der Niederschrift des Talmud. Nachdem die mündliche ( berlieferung festgelegt war. ahndete mau ihre (Übertretung schä rfer. Ks war nach dem Tode des wie1 es scheint kinderlos verstorbenen Kxilarchen Salonion (7(>1 bis 7()2, der gew. Zeitrechnung). Diese Würde sollte auf dessen NelTen Anan ben David übergehen. Zwei Brüder fungierten damals als Gaonen: R. Jehudai der Blinde in Sura (759 bis 7o'2i und R. Dudai im Pumbadita (UM bis 7(>4i. Die beiden Brüder mit den Kollegien vereinigten sich, um Anan von der Kxilarchenwahl auszuschließen. Auch die Gegner gaben zu. daß Anan über profunde talmudische Gelehrsamkeit verlügte. Abraham Ihn Daud, der allerdings bald vier Jahrhunderte später lebte, schreibt: ..Anan war zunächst ein .Talmid chachairT (ein Tal-

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