Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 264 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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264 MEN ORAH Dämmer das Gefangenenhaus vor mir auf. Ich stockte. An die Gefängniskirche hatte ich noch nicht gedacht — ein Bildnis der Himmelfahrt Mariä hing dort über dem Altar. Sofort begab ich mich zu dem Aufseher, der Gabriels Umgang gewesen war. Erschrocken bestärkte der mich in meinem Verdacht. Er hatte Gabriel schon vor Wochen einen Schlüssel zur Kirche ausgefolgt, damit dieser sich dort jederzeit auf sein künftiges Amt vorbereiten könne. Rasch zündete er nun eine Laterne an und führte mich, hastig voranschreitend, in den düsteren Kirchenraum. Wir durchquerten das Schiff. Auf den Altarstufen lag Gabriel, kopfabwärts. Die Rechte umklammerte die tödliche Walle. Im Scheine der Laterne schaute Maria, himmelwärts schwebend, gnadevoll auf ihn herab. Ich war nicht fähig, ihn anzurühren. Justizleute mußten geholt werden. Als er auf der Bahre lag, sah ich, vom Anblick seiner Züge abgleitend daß er einen niedrigen Kragen und eine Priesterkrawatte trug. Heute weiß ich, daß dies ein Andenken, das einzige, an seinen Vater wTar. Ich habe einst den Schmerz der Maria zu schildern nicht vermocht, auch den der Mutter Gabriels wiederzugeben bin ich zu schwach. Doch vor mir liegt, in meinen Besitz übergegangen, das Heft mit der Riesenschrift und den strahlenden Initialen. Hier hat ihr Sohn sie in den Schmerzensglanz gehüllt, dessen er die Heilige entkleidet hatte. Denn so wie er sich selbst stets zu den Ausgestoßenen zählte, hat er seine Mutter, ihre Wesensart fanatisch verschärfend und auf eine tiefere Stufe hinabdrückend, zum Urbild der Schankwirtin von Jerusalem erwählt, die aus verzweifelten Niederungen auf den Sprossen treuer Mutterliebe die Himmelsleiter emporsteigt. Von einer solchen Gestalt weiß die Heilige Schrift nichts. Aber so oft ich in Gabriels Legende von der Freigebung Jesus Barabbas' blättere, will mich bedünken, als wäre diese Darstellung, die dem Zwiespalt eines schon durch den Ursprung erschütterten Herzens entsprossen ist, die einzige dem Menschensinn faßbare Erklärung für die Entscheidung des Pilatus gegen den Erlöser. Die Jesu frevlerischerweise zugeschriebene Wendung wider seine Heilige Mutter verdamme ich aus tiefster Seele. Ich bin einig mit Gott, mit mir und der Glaubenslehre, und glücklich, als geistlicher Führer meiner kleinen Heimatsgemeinde den Platz auszufüllen, den die Weisheit der Vorsehung mir angewiesen hat. Es ist Abend geworden, und ich will, bevor die Sonne jenseits der Saaten vollends untergegangen ist, hinübergehen in unsere kleine Dorfkirche und des nun schon lange in Gott Ruhenden im Gebete