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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 263

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 263 (sequence 25)
Language
German
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DER SOHN 263 Mund an, der die Mutter des Anderen verklärt hatte. Und er fühlte, daß Unbegreifliches hier walte und er zur Rettung dieses Mannes, für den keine Mutter flehte und der sich selbst preisgab, nicht berufen sei. ,,Barabbas ist freigegeben'4, sagte er halblaut, getrieben vom Strome urmächtigen Schicksals. Die Menge erfuhr es erst, als das Weib in Jubelschreien es wiederholte und dann dem Begnadiger die Füße küßte. Aber Pilatus blieb taub für den Tumult, der sich nun erhob. Sein Ohr erfüllten die beiden Worte — während im Hofe seines Palastes schon die Dornenkrone gepreßt ward in die Stirn des Mutterlosen, der den erlösenden Glorienschein gelegt hatte um das Haupt der Mutter des Barabbas. LJ ber eine Stunde hatte ich gelesen — jetzt sprang ich auf. In meinen Schläfen hämmerte es. Mein Ohr erfüllten, wie das des Pilatus, die beiden Worte, mir bisher unantastbar verknüpft mit der Einen und Einzigen. Gabriel hatte Marien von Nazareth, statt sie zu preisen, den Heiligenschein der Gnadenmutter vom Haupt gerissen! Und vor meinen Augen tanzte die riesengroße Schrift mit den goldenen Initialen, die der Muttergottesgegner blasphemisch angebracht hatte — zu seiner Heldin Ehr' und Glorie. Kein Zweifel mehr: den diesmal unwiderruflichen Ausschluß mit Recht befürchtend, war er in den Tod gegangen. Ich nahm das Heft an mich und stürmte in die Schule, geradenwegs zum Direktor. Auch in mir stürmte es. Nein, die Evangelien wußten nichts von einer Anwesenheit der Heilandsmutter bei dem Gerichtsverfahren wider den Heiland. Und mich durchzuckte eine schneidende Äußerung Gabriels, daß daher auch ihr Erscheinen bei der Kreuzigung eine bloße Erfindung des Johannes sei. Der Direktor war durch Pater Laurentin bereits unterrichtet. Ich erbat mir Schulfreiheit, um meinen unglücklichen Freund zu suchen. „Haben Sie denn eine Spur?" „Ich glaube: ja." Er sah mich erstaunt an. „Gehen Sie mit Gott", sagte er und schlug ein Kreuz. Ich suchte nun alle Kirchen ab, in denen ich ein Altarbild der Maria wußte. Aber ich fand ihn nicht. Ich ging auch vor die Stadt hinaus, auf die Reichsstraße, wo eine Mariensäule stand, an der schon mancher Barabbas vorübergekommen sein mochte. Doch auch hier fand ich den Vermißten nicht. Es dunkelte, und ich beschloß, zu seiner Mutter zu gehen. Auf dem Wege dorthin tauchte plötzlich aus dem

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