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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 265

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 265 (sequence 27)
Language
German
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DER SOHN 265 gedenken. Eine kirchliche Bestattung ward ihm gewährt, da Ärzte die Verwirrtheit seiner Sinne als wahrscheinlich bezeichnet hatten. In früheren Jahren habe ich sein Grab oft besucht. Der einfache Stein berichtet nur seinen Namen, Richard Maria Gabriel, und die Dauer seines kurzen Lebens. Eine Grabschrift fehlt, obwohl ein Fingerzeig dafür vorhanden war. Denn wenn Gabriel auch keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat, so fand man bei ihm doch einige sichtlich in den letzten Stunden geschriebene Zeilen, die erwiesen, daß der Scheidende, wie mit der Mutter Gottes, auch mit einer anderen Macht, die er leidenschaftlich bekämpft hatte, seinen durch den Tod endgültig gewordenen Frieden geschlossen hat. In tiefster Ergriffenheit las ich damals, sein zerrissenes Wesen noch einmal schmerzvoll erfahrend, diese letzte Kundgebung des Freundes: Alles entsteht und vergeht nach Gesetz; doch über des Menschen Leben, dem köstlichen Schatz, herrschet ein schwankendes Los. Goethe. DER GRÜNENDE STAB Eine Sage Einst kam zu Rabbi Jehuda dem Frommen ein Mann, welcher den Glauben der Väter verlassen und sehr viel Böses getan hatte, aber nun reuig umkehren wollte. Doch der Meister wies ihn zornig ab und sprach: ,,So wenig wie dieser dürre Stab in meiner Hand grüne Blätter hervorbringen kann, so wenig findest du Vergebung." Nach wenigen Tagen begann aber der Stab wirklich zu grünen. Rabbi Jehuda ließ den Mann rufen und tat ihm das Wunder kund. „Hast du nicht einmal", so fragte er ihn, „ein besonders gutes WTerk vollbracht?" Der Büßer wußte sich einer solchen Tat nicht zu entsinnen. ,,Nur einmal", erzählte er, „kam ich in eine Stadt, in welcher viele Juden wohnten. Sie alle sollten ums Leben kommen, weil lügenhafte Zeugen sie eines Mordes an einem Christenkind, dessen Blut man zu religiösen Zwecken gebrauche, beschuldigt hatten. Da wählte man denn mich, der ich die Satzungen des Judentums kannte und doch nicht zu den Juden hielt, zum Sachverständigen. Wie konnte ich anders als der Wahrheit die Ehre geben? Daraufhin ließ man von der Verfolgung der Juden ab." Nun erkannte Rabbi Jehuda den Grund des Wunders. (Aus einem Maassebuch.)

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